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Überall Extreme

Erst ein riesiges Buch und dann ein kleines, ein hässliches und dann wieder ein schönes, ein
weißes und ein schwarzes, das Buch des Lebens und das des Todes, das des Kommunismus
 und jenes des Faschismus: Mit solch entgegengesetzten Titeln lockte die im ersten Stock des
Klausenburger Nationaltheaters gezeigte Ausstellung die Besucher des Internationalen
Treffens, das im vergangenen Oktober in der Hauptstadt Siebenbürgens stattfand.

Von Irina Wolf
(17. 02. 2018)

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   Unter dem Motto "Extreme" stellten sich Direktor Mihai Măniuţiu und künstlerische Leiterin Ştefana Pop-Curşeu für die siebente Ausgabe des Klausenburger Treffens die Frage "wie wir in Zeiten von Krieg, Gewalt, Terror, Manipulation und Schrecken mit den Extremen umgehen". Widmete sich die von Ştefana und Ioan Pop-Curşeu kuratierte Ausstellung "Extreme der Bücher" der Literatur, so standen die Abende vornehmlich im Zeichen der Theater- und Filmbranche.

Die Extreme des Theaters fanden Ausdruck unter anderem in Romanadaptionen. In einer temporeichen und stark choreografierten Inszenierung brachte Mihaela Panainte Kafkas Der Prozess auf die Bühne. Die junge Regisseurin verstand es perfekt, Bewegungsszenen mit Dialogen zu verknüpfen. Wie Roboter bewegten sich die weiß geschminkten Gesichter der Darsteller in einer von Helmut Stürmer entworfenen Metallkonstruktion – ein optisch sehr gut mit Kafkas grotesker und gespenstisch-bürokratischer Welt harmonierendes Bühnenbild. Panainte kam hierbei mit wenigen Mitteln aus. Dennoch gelang es ihr, eine eindringliche Atmosphäre aufzubauen. Eine präzise Lichtsetzung unterstrich die düstere Stimmung gekonnt. Mit viel Spielwitz und intensiver Bühnenpräsenz verkörperte Ionuţ Caras Josef K. und wurde dabei vortrefflich vom gesamten Ensemble unterstützt – alle bloß "winzige Räder des undurchdringlichen Mechanismus der Justiz, die den Willen der Macht betonen", so die Regisseurin. Wie ironisch passend zum von Korruption geplagten rumänischen Justizsystem!

   Von Extremen handelte auch Răzvan Mureşans Inszenierung von Anthony Burgess‘ Klassiker Uhrwerk Orange. Der Hausregisseur des Klausenburger Nationaltheaters zeigte hier auf eindrucksvolle Weise, wie schnell Grausamkeit zur Realität werden kann. Ludwig van Beethovens neunte Sinfonie spielte dabei im Stück dieselbe bedeutende Rolle wie in Stanley Kubricks berühmtem Film.

Dass die Rumänen fast 30 Jahre nach dem Fall des Kommunismus noch Gefangene ihrer eigenen Geschichte sind, bekräftigte Playlist von C.C. Buricea Mlinarcic, eine Produktion, die das Leben einer rumänisch-ungarischen Familie zwischen 1989 und 2008 schildert. Schwungvoll und sehr musikalisch zeigte sich zudem eine Aufführung mit dem einprägsamen Titel Goldberg Show – Die Entstehung der Welt und andere Ereignisse, ein opulentes Tanztheater nach Georg Taboris "Goldberg-Variationen" in der Regie von Mihai Măniuţiu. Für Erheiterung sorgten Andrea Gavrilius Solo-Tanzperformance OST (Organic Sound Twist) und God's Playground, ein Konzert mit Alexandru Bălănescu an der Violine und Ada Milea an der Gitarre.

   Besonders extrem ging es an zwei Abenden vonstatten, als mehrere Experimental- und Horrorkurzfilme menschliche und strukturelle Grenzen gegenüberstellten. Ein absoluter Höhepunkt war die Vorpremiere des Films Zähne nach Matei Vişniecs gleichnamigem Stück. Darin wird die absurde Geschichte von zwei Männern erzählt, die toten Soldaten die goldenen Zähne aus dem Mund ziehen. Als den Männern auf dem mit Leichen übersatten Schlachtfeld ein erschöpfter, taumelnder Soldat entgegenkommt, ist es kaum mehr möglich, die Grenze zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden. Dem jungen Filmregisseur Rareş Stoica gelang mit dieser Produktion eine eindrucksvolle visuelle Reise in eine irreale Welt – eine poetische und schaurige Darstellung des Lebens unter extremen Bedingungen.


 


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