Vor
vielen Jahren hatte ich zwei seiner Inszenierungen auf Video gesehen, vom
Akademischen Theater "Rote Fackel" in Nowosibirsk, dessen Intendant er von
2015 bis 2022 war. Onegin nach Alexander Puschkin – für die er auch
den Nationalpreis "Goldene Maske" (2012) erhielt – und Kill, eine
Adaption von Friedrich von Schillers Kabale und Liebe (2013), hatten
mich durch die frische Ästhetik und das natürliche Schauspiel überzeugt.
Damals war Kuljabin erst neunundzwanzig Jahre alt. 2016 folgte bei den Wiener Festwochen
seine Gebärdensprache-Adaption von Tschechows Drei Schwestern, bei
der der Text als Übertitel eingeblendet wurde.
Nun inszenierte Timofej Kuljabin also in Großwardein,
zusammen mit dem Dramatiker Roman Dolzhanskiy, dem Bühnenbildner Oleg
Golowko und dem Komponisten Timofej Pastukhov. Das künstlerische Quartett
arbeitet seit über einem Jahrzehnt zusammen. Nach Ausbruch des Krieges in
der Ukraine verließen die vier Russland und setzten ihre Arbeit an
europäischen Theatern fort. Zerbrochener Spiegel ist ihre zweite
Produktion 2025 in Rumänien, nach Eugene O'Neills Eines langen Tages
Reise in die Nacht am Radu-Stanca-Nationaltheater in Hermannstadt
(Sibiu).
Im Königin-Maria-Staatstheater in Großwardein verlegt Roman
Dolzhanskiy Arthur Millers Stück Scherben (Broken Glass), geschrieben
1994, in die Gegenwart. Die Namen werden aus dem Original übernommen.
Philipp und Sylvia Gellburg sind ein jüdisches Paar aus New York. Sylvia ist
von einer geheimnisvollen Lähmung befallen, für die es keine körperliche
Ursache gibt. Doch das Jahr der Handlung ist nicht mehr 1938, sondern 2025.
So kann die Ursache der Lähmung nicht mit den Schrecken der Berliner
Kristallnacht begründet werden – Sylvia schaut ununterbrochen Nachrichten
(2025 liest sie keine Zeitungen mehr, sondern scrollt auf ihrem Tablet).
Dann wird der Auslöser wohl im Zusammenhang mit der sexlosen und bitteren
Ehe liegen, die die beiden seit 20 Jahren führen. Das findet der Arzt Harry
Hyman in mehreren Sitzungen heraus. Dieser ist alles andere als der übliche
Guru. Er verliebt sich sogar manchmal in seine Patientinnen. Im Original
erleidet Philipp nach einer Auseinandersetzung mit seinem Chef einen
Herzinfarkt und stirbt. Vorher sprechen er und Sylvia über ihre Gefühle,
sodass am Ende Sylvia von ihrer Lähmung geheilt ist. Auch das Ende ist in
der von Dolzhanskiy überarbeiteten Fassung ein anderes. Doch dies sei hier
nicht verraten, soviel aber steht fest: Der Dramatiker lässt die Zuschauer
wiederholt vor Überraschung staunen.
Die Figuren werden im aktualisierten Stück mit neuen
Konflikten konfrontiert. Anstelle der Verfolgung jüdischer Bürger während
des Nationalsozialismus hallt der Gaza-Krieg nach. Doch das Thema
Antisemitismus tritt in den Hintergrund. "Ein anderes, bekannteres Stück von
Arthur Miller, Der Preis, definiert das zentrale Thema der
Neufassung", erklärt Roman Dolzhanskiy im Programmheft. Liebe und
Verantwortung sind die beiden Grundpfeiler, um die es geht. Dolzhanskiys
neuer Text erkundet Themen wie Opferbereitschaft, Familienkonflikte und die
negativen Folgen vergangener Entscheidungen. Alte Ressentiments brechen
aufgrund der unterschiedlichen Lebenswege der beiden Ehepartner wieder auf:
Sylvia opferte ihre Ambitionen, um Philipp einen Gefallen zu tun, während
Philipp eine erfolgreiche Karriere an der Wall Street anstrebte.
Zerbrochener Spiegel thematisiert außerdem Bots (automatisierte
Computerprogramme) und Marktanalysen, die manipulative Kontrolle von
Informationen, die Angst auslösende Informationsflut sowie heutige Fragen
der medizinischen Ethik. Für Letztere fügt Dolzhanskiy eine neue Figur
hinzu: den Klinikdirektor, der herausfinden will, ob Doktor Hyman bei der
unkonventionellen Behandlung der Protagonistin unerlaubte Methoden
angewendet oder sogar versucht hat, sie zu verführen. Sylvias Lähmung ist
eine Metapher für die Unterdrückung ihrer Person durch eine politische,
soziale und private Übermacht. Die komplexe Rolle des Philipp Gellburg
offenbart die Unsicherheit des jungen Mannes in der heutigen
wettbewerbsorientierten Gesellschaft, der zwischen dem Bedürfnis nach
Selbstbestätigung und Konformität, zwischen Stolz und Hilflosigkeit
schwankt. Während der Charakter von Dr. Hyman schwer zu fassen ist, wirft
das Verhalten des Klinikdirektors hingegen große Fragen zur heutigen Ethik
in der Medizin auf. Denn solange die Klinik durch eine von Philipp
eingereichte Klage bedroht war, belästigte der Direktor Hyman unerbittlich
mit seinen Fragen und Vorwürfen. Jedoch unmittelbar, nachdem Philipp die
Klage zurückgezogen hatte, wollte der Direktor den Erfolg feiern und den
Arzt sogar befördern.
Ich reiste also mit hohen Erwartungen nach Großwardein,
und diese wurden mehr als erfüllt! Timofej Kuljabins Inszenierung
beeindruckt durch ein kluges Konzept und eine gekonnte Umsetzung. Der
Regisseur erschafft ein homogenes Universum, eine Welt, in der Ausstattung,
Musik und Geschichten harmonisch ineinandergreifen und das Zuschauen zu
einem fast sinnlichen Erlebnis wird. Balance und Proportionen sind mit einer
Präzision inszeniert, die dem Zufall trotzt. Das rasante Tempo verlangt den
Schauspielern der Iosif-Vulcan-Gruppe des Königin-Maria-Theaters absolute
Genauigkeit ab. Ihre Leistung ist bewundernswert; es gelingt ihnen,
Emotionen und Botschaft wirkungsvoll zu vermitteln, in einem fließenden
Wechselspiel von Stärke und Schwäche. Keine Geste, keine Aussprache ist dem
Zufall überlassen. Jedes Detail ist gut überlegt. Der Bauer, der das
Schachbrett verlässt, um von der Hand des Arztes in die Hand der geheilten
Patientin zu wandern, und von dort auf dem Tisch des Klinikdirektors landet,
ist nicht nur ein gelungener Regie-Einfall, sondern der Ausgangspunkt einer
Veränderung. Die von Oleg Golowko entworfenen drei "Fensternischen" stellen
das Schlafzimmer der Gellburgs, die Arztpraxis von Doktor Hyman und das Büro
von Philipps Chef, an der Rückwand der Hauptbühne, dar. Eigens komponierte
Musik von Timofej Pastukhov begleitet das Öffnen bzw. Schließen der
Nischentüren und trägt so zur spannungsgeladenen Atmosphäre bei.
Doch
Timofej Kuljabins Inszenierung verfällt nie in Sentimentalität. Auch
verwandelt sie Arthur Millers Erzählung nicht in einen Krimi. "Von Anfang an
überlassen wir es dem Publikum, den Ausgang der Geschichte zu erfahren. Wir
beobachten lediglich, wie sich die Ereignisse entfaltet haben, und laden
dazu ein, den Nuancen und dem zutiefst menschlichen Charakter der Figuren zu
folgen", erklärt der Regisseur im Programmheft sein Konzept. Schließlich hat
jede Figur einen zerbrochenen Spiegel vor sich, in dem sie nach
Selbstvergebung sucht. Und die zentrale Frage des neuen Stücks – ob der Arzt
das Recht hatte, die von ihm angewandten Methoden zur Heilung eines Menschen
zum gesundheitlichen Nachteil eines anderen einzusetzen – wird jeden
Zuschauer nach Aufführungsende nach Hause begleiten. Darauf soll er die
eigene Antwort finden.