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Seelenscherben oder wie man Selbstvergebung lernt

Eine sechsstündige Autofahrt von Wien nach Großwardein (Oradea), der nur
dreizehn Kilometer von der ungarischen Grenze entfernten Stadt in Westrumänien. Und
die gleiche Strecke zurück. Zwölf Stunden Hin- und Rückreise also für die Premiere von
Zerbrochener Spiegel, dazu eine zweistündige Vorstellung (ohne Pause) mit englischen
Untertiteln: Ich zweifelte keine Sekunde daran, dass sich das lohnen würde!
Denn der Regisseur hieß Timofej Kuljabin.

Von Irina Wolf
(25. 02. 2026)

...



Irina Wolf
irinawolf10 [at] gmail.com

Irina Wolf wurde in
Bukarest geboren. Nach
Abschluss ihres Informatik-
studiums und mehreren
Jobs im Telekommunikations- und Forschungsbereich
wechselte sie 1993 in den
Außenhandelsdienst. Seit
2007 schreibt sie freiberuflich
für mehrere rumänische und
deutschsprachige Kultur-
zeitschriften.

 




(c)  Sebi Tontz

"Zerbrochener Spiegel"
(Regie:
Timofej Kuljabin)

   Vor vielen Jahren hatte ich zwei seiner Inszenierungen auf Video gesehen, vom Akademischen Theater "Rote Fackel" in Nowosibirsk, dessen Intendant er von 2015 bis 2022 war. Onegin nach Alexander Puschkin – für die er auch den Nationalpreis "Goldene Maske" (2012) erhielt – und Kill, eine Adaption von Friedrich von Schillers Kabale und Liebe (2013), hatten mich durch die frische Ästhetik und das natürliche Schauspiel überzeugt. Damals war Kuljabin erst neunundzwanzig Jahre alt. 2016 folgte bei den Wiener Festwochen seine Gebärdensprache-Adaption von Tschechows Drei Schwestern, bei der der Text als Übertitel eingeblendet wurde.

Nun inszenierte Timofej Kuljabin also in Großwardein, zusammen mit dem Dramatiker Roman Dolzhanskiy, dem Bühnenbildner Oleg Golowko und dem Komponisten Timofej Pastukhov. Das künstlerische Quartett arbeitet seit über einem Jahrzehnt zusammen. Nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine verließen die vier Russland und setzten ihre Arbeit an europäischen Theatern fort. Zerbrochener Spiegel ist ihre zweite Produktion 2025 in Rumänien, nach Eugene O'Neills Eines langen Tages Reise in die Nacht am Radu-Stanca-Nationaltheater in Hermannstadt (Sibiu).

   Im Königin-Maria-Staatstheater in Großwardein verlegt Roman Dolzhanskiy Arthur Millers Stück Scherben (Broken Glass), geschrieben 1994, in die Gegenwart. Die Namen werden aus dem Original übernommen. Philipp und Sylvia Gellburg sind ein jüdisches Paar aus New York. Sylvia ist von einer geheimnisvollen Lähmung befallen, für die es keine körperliche Ursache gibt. Doch das Jahr der Handlung ist nicht mehr 1938, sondern 2025. So kann die Ursache der Lähmung nicht mit den Schrecken der Berliner Kristallnacht begründet werden – Sylvia schaut ununterbrochen Nachrichten (2025 liest sie keine Zeitungen mehr, sondern scrollt auf ihrem Tablet). Dann wird der Auslöser wohl im Zusammenhang mit der sexlosen und bitteren Ehe liegen, die die beiden seit 20 Jahren führen. Das findet der Arzt Harry Hyman in mehreren Sitzungen heraus. Dieser ist alles andere als der übliche Guru. Er verliebt sich sogar manchmal in seine Patientinnen. Im Original erleidet Philipp nach einer Auseinandersetzung mit seinem Chef einen Herzinfarkt und stirbt. Vorher sprechen er und Sylvia über ihre Gefühle, sodass am Ende Sylvia von ihrer Lähmung geheilt ist. Auch das Ende ist in der von Dolzhanskiy überarbeiteten Fassung ein anderes. Doch dies sei hier nicht verraten, soviel aber steht fest: Der Dramatiker lässt die Zuschauer wiederholt vor Überraschung staunen.

Die Figuren werden im aktualisierten Stück mit neuen Konflikten konfrontiert. Anstelle der Verfolgung jüdischer Bürger während des Nationalsozialismus hallt der Gaza-Krieg nach. Doch das Thema Antisemitismus tritt in den Hintergrund. "Ein anderes, bekannteres Stück von Arthur Miller, Der Preis, definiert das zentrale Thema der Neufassung", erklärt Roman Dolzhanskiy im Programmheft. Liebe und Verantwortung sind die beiden Grundpfeiler, um die es geht. Dolzhanskiys neuer Text erkundet Themen wie Opferbereitschaft, Familienkonflikte und die negativen Folgen vergangener Entscheidungen. Alte Ressentiments brechen aufgrund der unterschiedlichen Lebenswege der beiden Ehepartner wieder auf: Sylvia opferte ihre Ambitionen, um Philipp einen Gefallen zu tun, während Philipp eine erfolgreiche Karriere an der Wall Street anstrebte.

   Zerbrochener Spiegel thematisiert außerdem Bots (automatisierte Computerprogramme) und Marktanalysen, die manipulative Kontrolle von Informationen, die Angst auslösende Informationsflut sowie heutige Fragen der medizinischen Ethik. Für Letztere fügt Dolzhanskiy eine neue Figur hinzu: den Klinikdirektor, der herausfinden will, ob Doktor Hyman bei der unkonventionellen Behandlung der Protagonistin unerlaubte Methoden angewendet oder sogar versucht hat, sie zu verführen. Sylvias Lähmung ist eine Metapher für die Unterdrückung ihrer Person durch eine politische, soziale und private Übermacht. Die komplexe Rolle des Philipp Gellburg offenbart die Unsicherheit des jungen Mannes in der heutigen wettbewerbsorientierten Gesellschaft, der zwischen dem Bedürfnis nach Selbstbestätigung und Konformität, zwischen Stolz und Hilflosigkeit schwankt. Während der Charakter von Dr. Hyman schwer zu fassen ist, wirft das Verhalten des Klinikdirektors hingegen große Fragen zur heutigen Ethik in der Medizin auf. Denn solange die Klinik durch eine von Philipp eingereichte Klage bedroht war, belästigte der Direktor Hyman unerbittlich mit seinen Fragen und Vorwürfen. Jedoch unmittelbar, nachdem Philipp die Klage zurückgezogen hatte, wollte der Direktor den Erfolg feiern und den Arzt sogar befördern.

Ich reiste also mit hohen Erwartungen nach Großwardein, und diese wurden mehr als erfüllt! Timofej Kuljabins Inszenierung beeindruckt durch ein kluges Konzept und eine gekonnte Umsetzung. Der Regisseur erschafft ein homogenes Universum, eine Welt, in der Ausstattung, Musik und Geschichten harmonisch ineinandergreifen und das Zuschauen zu einem fast sinnlichen Erlebnis wird. Balance und Proportionen sind mit einer Präzision inszeniert, die dem Zufall trotzt. Das rasante Tempo verlangt den Schauspielern der Iosif-Vulcan-Gruppe des Königin-Maria-Theaters absolute Genauigkeit ab. Ihre Leistung ist bewundernswert; es gelingt ihnen, Emotionen und Botschaft wirkungsvoll zu vermitteln, in einem fließenden Wechselspiel von Stärke und Schwäche. Keine Geste, keine Aussprache ist dem Zufall überlassen. Jedes Detail ist gut überlegt. Der Bauer, der das Schachbrett verlässt, um von der Hand des Arztes in die Hand der geheilten Patientin zu wandern, und von dort auf dem Tisch des Klinikdirektors landet, ist nicht nur ein gelungener Regie-Einfall, sondern der Ausgangspunkt einer Veränderung. Die von Oleg Golowko entworfenen drei "Fensternischen" stellen das Schlafzimmer der Gellburgs, die Arztpraxis von Doktor Hyman und das Büro von Philipps Chef, an der Rückwand der Hauptbühne, dar. Eigens komponierte Musik von Timofej Pastukhov begleitet das Öffnen bzw. Schließen der Nischentüren und trägt so zur spannungsgeladenen Atmosphäre bei.

   Doch Timofej Kuljabins Inszenierung verfällt nie in Sentimentalität. Auch verwandelt sie Arthur Millers Erzählung nicht in einen Krimi. "Von Anfang an überlassen wir es dem Publikum, den Ausgang der Geschichte zu erfahren. Wir beobachten lediglich, wie sich die Ereignisse entfaltet haben, und laden dazu ein, den Nuancen und dem zutiefst menschlichen Charakter der Figuren zu folgen", erklärt der Regisseur im Programmheft sein Konzept. Schließlich hat jede Figur einen zerbrochenen Spiegel vor sich, in dem sie nach Selbstvergebung sucht. Und die zentrale Frage des neuen Stücks – ob der Arzt das Recht hatte, die von ihm angewandten Methoden zur Heilung eines Menschen zum gesundheitlichen Nachteil eines anderen einzusetzen – wird jeden Zuschauer nach Aufführungsende nach Hause begleiten. Darauf soll er die eigene Antwort finden.

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