Über die Aurora

Aktuelle Ausgabe

Frühere Ausgaben

Suche

   Schwerpunkte    Theater     Kulturphilosophie     Belletristik      Literatur     Film     Forschung    Atelier     Musik  

......
Malagola berauschender Innovationsraum

Konzipiert und geleitet von Ermanna Montanari, ist Malagola eine Stimmtrainingsschule.
Das Projekt hat seine Wurzeln in Montanaris vierzigjähriger, mehrfach preisgekrönter
Forschungsarbeit zur Poetik der Stimme sowie in den über die Jahrzehnte kreierten soliden
 Partnerschaften auf nationaler und internationaler Ebene. Neben Montanari, Mitbegründerin und
künstlerischer Leiterin des Teatro delle Albe/Ravenna Teatro, ist Enrico Pitozzi, Wissen-
schaftler und Professor an der Universität Bologna, der stellvertretende Direktor.

Von Irina Wolf
(10. 03. 2022)

...



Irina Wolf
irinawolf10 [at] gmail.com

Irina Wolf wurde in
Bukarest geboren. Nach
Abschluss ihres Informatik-
studiums und mehreren
Jobs im Telekommunikations- und Forschungsbereich
wechselte sie 1993 in den
Außenhandelsdienst. Seit
2007 schreibt sie freiberuflich
für mehrere rumänische und
deutschsprachige Kultur-
zeitschriften.

 


(c) Irina Wolf

Basilika Sant'Apollinare
in Ravenna

 


(c) Enrico Fedrigoli

Hauseingang

 


(c) Enrico Fedrigoli

Innenhof

 


(c) Enrico Fedrigoli

Klavierzimmer

 


(c) Enrico Fedrigoli

Theoriezimmer

 


(c) Enrico Fedrigoli

Übungsraum

 


 


Linktipp

teatrodellealbe.com

   Es sind insgesamt fünfzehn Jugendliche, die sich im Praxisraum des Malagola-Palastes aufhalten. Jeder trägt ein kleines spiralenförmiges Blasinstrument. Einige Teilnehmer lehnen sich an die Wände, andere sitzen im Schneidersitz, das Gesicht zur Zimmermitte gewandt. Dort befinden sich ein Polster und ein paar Papierblätter. Es sind die Aufzeichnungen des US-amerikanischen Komponisten Alvin Curran, der seit den Sechzigerjahren in Italien lebt. Er ist auch anwesend und wird die 45-minütige Aufführung betreuen. Es herrscht Stille. Ich traue mich kaum zu atmen. Zusammen mit anderen vier Zuschauern bin ich Zeugin der ersten Präsentation des Malagola-Projektes.

Austragungsort der Schule ist der gleichnamige Malagola-Palast aus dem 18. Jahrhundert. Gelegen auf der anderen Straßenseite der Basilika Sant’Apollinare in Ravenna, umfasst das prächtige Gebäude Theorie- und Praxisraum – letzterer ist bereits mit speziellen schallabsorbierenden Platten ausgestattet , sowie Tagungs- und Leseräume, einen Erfrischungsraum und mehrere Meditationsräume, die für die individuelle Arbeit der Kursteilnehmer bestimmt sind. Wurde die technologische Neugestaltung der Räume dem Sounddesigner und Musiker Marco Olivieri anvertraut, ist die visuelle Identität von Malagola vom Künstler Stefano Ricci signiert. Schon im Hauseingang ragt an der rechten Wand das Logo der Schule hervor: Das Klangsystem an der Decke des Raumes wird von einem Esel, dem Symbol des Teatro delle Albe, begleitet. Auch in anderen Zimmern verzierte Stefano Ricci die Steinmauern mit Holzkohle, belebte die kahlen Wände durch zauberhafte Figuren.

   Ziel der Schule ist es, neue professionelle Persönlichkeiten im Bereich Live-Entertainment und Multimedia-Produktion zu schaffen, ein Vorhaben, das auch im kurzen poetischen Manifest von Ermanna Montanari bekräftigt wird. Die für 2021 zugelassenen fünfzehn Teilnehmer wurden aus 131 Bewerbungen ausgewählt. Unter den Lehrern sind unter anderem neben Montanari und Pitozzi berühmte Künstler wie Bonnie Maranca, Mariangela Gualtieri, Meredith Monk, Chiara Guidi, Mirella Mastronardi, Roberto Latini, Luigi Ceccarelli, Daniele Roccato, Francesca Proia zu finden. Ein Studiengang besteht aus kostenlosen Kursen, die von Oktober bis April stattfinden. Das Programm umfasst eine technisch-praktische Ausbildung, begleitet von einem vertiefenden theoretischen Teil. Die fünf angebotenen Module reichen von Ästhetikumrissen der zeitgenössischen Theaterszene über Praktiken der Stimm- und Klanggestaltung bis hin zu Physiologielektionen über den Stimmapparat und wirtschaftlichen sowie projektbezogenen Aspekten.

Der Malagola-Palast wird gleichzeitig die audiovisuellen Dokumente des Teatro delle Albe in einem Medienarchiv verwalten. Durch seinen zauberhaften Garten eignet sich das Haus wie kaum ein anderes, zum vibrierenden Resonanzraum für Klang und Stimme zu werden.

Manifest der Stimmtrainingsschule (School of Vocality)

   "Die Stimmtrainingsschule ist ein Ort zur Ausübung einer freud- und anspruchsvollen Disziplin, eine Einrichtung, in der man sich auf das Abenteuer der eigenen Stimme und des eigenen Körpers einlässt. Man wird Teil einer Erfahrung, bei der die Stimme der Körper und jede Person ein Klangplanet ist. Jeder Teilnehmer tritt als Keimling in die Schule ein und nimmt im Lauf der Zeit Gestalt an. Die Schule ist ein Ort der Mehrbestimmung, bevölkert und betrieben von der Stadt und zugleich von dieser sich unterscheidend, ein Bereich kollektiver Mitverantwortung, abgeleitet aus dem Bewusstsein, dass jede unserer Zellen ein sinnlicher, zugleich aber auch ein fantasievoller und poetischer Geschichtsträger und Erinnerungsspeicher ist.

Schule als Schweigen, lärmendes Schweigen, unerträgliche Wortquelle. Ein Ort, an dem die Wort-Sicht in ihrer mysteriösen, herrlichen, vierfachen Form verwurzelt ist: Bedeutung, Klang, Kraft und Schweigen, das Schweigen, das sie beschützt. Ein Ort, an dem alle lernen (sowohl Lernende als auch Lehrende), an dem es keine vorgeschriebenen Techniken gibt, eher eine disziplinäre Praxis, die sich der einzigartigen Form jedes Einzelnen und jedes Kollektivs anpasst. Diese Methode erfordert Zeit, Geduld und Gehorsamkeit, denn sie erlaubt dem Planeten eines jeden Individuums seinen Atem zu entdecken; dies ist weder leicht noch geschieht es auf unmittelbare Weise. Es wird für jeden Teilnehmer nützlich sein, sich auf das süße Gefühl einzulassen, auf dem Weg des menschlichen Daseins vorwärtsgezogen zu werden, auf die Torheit hin, weiterzumachen und zu akzeptieren, was auch immer passiert. In diesem Sinne erinnern wir uns an die Verse von Antonio Machado: "Reisender, es gibt keine Wege, Wege entstehen im Gehenˮ.

   Schule als Ort des Loslassens ohne Eile, des Vertreibens der Angst, sich zu zeigen, der Krankheit sich selbst darzustellen, der Plage sich selbst zu verkaufen. Ein Lernort, um von den Wolken herabzublicken, um die Grenzen unserer Grenzen auszuloten.

Schule als Ort der Auseinandersetzung mit der nördlichen Felswand unserer Stimme, der Wand, an der wir stolpern und fallen, "dunkler Wald" bitterer Einsamkeit. Ein Ort des Wartens. Ein Ort, um sich für den Aufstieg auszurüsten.

Schule als Ort des Experimentierens mit dem Unmöglichen, um seinen eigenen verzerrten Mechanismus zu ehren. Die Qual der Stimme ohne Körper, ihr Versagen und das Aufkommen des Staunens. Ringen wir nicht immer mit einem unsichtbaren Etwas, fest und unverrückbar wie eine Wand oder ein Felsen ohne Halt? Aber was ist schöner als ein Rippstrom zu sein, sich mit den Wasserwellen treiben zu lassen, bis Klang und Rhythmus unsere Augen und Ohren hypnotisieren; der Augenblick, in dem wir mit dem Widerspruch, den uns die Natur präsentiert, konfrontiert werden? Und der sich manchmal in unseren Poren versteckt?

   Schule als Rätsel, ein Ort des Anderen, der uns manchmal liebkost, ein anderes Mal abstößt, uns manchmal umhaut. Ort der Maske und ihrer Verbergungskraft als Wissensinstrument, eine andere, gefährliche Art, Zeichen zu sehen und zu lesen. Der Schauspieler ist derjenige, der dem Chor antwortet und sich dessen Urteil unterwirft. Die Bühne wird zum Schafott: Die Überquerung der Bühne beschwört ein stimmliches Abenteuer herauf; sie verlangt, aus demselben Stoff gemacht zu sein wie die schon dort seit Jahrtausenden bestehende, unbewegliche. An Ort und Stelle genagelt.

Schule als Archiv des Zuhörens, denn ohne Zuhören gibt es keine Stimme. Ein Ort der Farben und Spuren derer, die uns vorausgegangen sind: Antonin Artaud, Laurie Anderson, Meredith Monk, Carmelo Bene, Maria Callas, der Wind, die Rosen, das Wasser, die Gebete, die Menschen, Demetrio Stratos, Leo de Berardinis, Perla Peragallo, Janis Joplin, und andere ihrer Gefährten und Reisegefährten.

   Schule als Garten, ein Ort, an dem niemand Trends hinterherläuft, keinem Geist der Mode, an dem sich niemand für das Neueste interessiert; vielmehr sehnt sich jeder zuerst danach, um das Lernen zu lernen, das selbst zu wählen, was es zu lernen gibt.

Schließlich, Schule als freudiger Samen, der sich unter der Erde verbirgt und nachts aufkeimt."

(Ermanna Montanari, Ravenna, 22. Februar 2020)

Ausdrucken?

....

Zurück zur Übersicht