Über die Aurora

Aktuelle Ausgabe

Frühere Ausgaben

Suche

   Schwerpunkte    Theater     Kulturphilosophie     Belletristik      Literatur     Film     Forschung    Atelier     Musik  

......
"Wir verkaufen Ziegelsteine und bauen ein Theater"

In neuneinhalb Jahren ließen die Künstlerin und Regisseurin Chris Simion-Mercurian
und ihr Ehemann Tiberiu Mercurian, ein Marketing-Spezialist, ein privates Theater in
Bukarest errichten. Das Besondere daran ist, dass weit über zehntausend Personen sich
bislang finanziell an dem Projekt beteiligt haben, bei aktuellen Gesamtkosten von bislang
4,5 Millionen Euro. Das Grivița53-Theater trägt außerdem zur Revitalisierung eines symbol-
trächtigen Viertels bei, des historischen Grivița-Stadtteils, das in der Zwischenkriegszeit
als Pariser Pendant zum Montmartre galt. Das Theatergebäude wurde während des
Nationaltheaterfestivals, das Ende Oktober in der rumänischen Hauptstadt stattfand,
eingeweiht. Da hatte ich die Gelegenheit, mit Tiberiu Mercurian zu sprechen. Außerdem
gab es im Theater eine Ausstellung mit zahlreichen Gegenständen aus dem Haus
von Chris Simion-Mercurians Großmutter zu sehen, deren Verkauf als
Startkapital des Projektes verwendet wurde.

Von Irina Wolf
(17. 12. 2025)

...




(c) facebook.com/grivita53

Tiberiu Mercurian

 

 

 


 











 


 


 






 



(c) Irina Wolf / Oltita Cîntec

 

 

 

Homepage

www.grivita53.ro

Irina Wolf: Beginnen wir von Anfang an: Wie kam es dazu, ein neues Theater von Null aufzubauen?

Tiberiu Mercurian: Das ist ein Gedanke, mit dem Chris spielt, seit sie jung war, seitdem sie ihren Abschluss bei der Theaterakademie in Bukarest gemacht hat. Ihre Karriere war hauptsächlich in der unabhängigen Theaterszene. 2015 ist sie irgendwann nach Hause gekommen und hat gesagt, dass wir selbst etwas versuchen müssen, weil es mit dem rumänischen Staatssystem nicht mehr funktioniert. Sie hatte die Schnauze voll. Und da fingen wir an, ein Grundstück zu suchen. Sie hatte ein Haus, das ihrer Großmutter gehörte, und sie hat dieses Haus verkauft. Mit dem Geld haben wir das Grundstück in Griviţa 53 (Anm. d. Ü. Es handelt sich um die Straße Griviţa Nr. 53) gekauft. So hat das angefangen.

Irina Wolf: Warum genau dieses Grundstück?

Tiberiu Mercurian: Wir haben in ganz Bukarest gesucht. Bukarest ist irgendwie atypisch, weil Theater nur im Zentrum der Stadt passiert. Deswegen musste das Grundstück im Zentrum sein. Das war eine Voraussetzung. Ich glaube, in dem Sommer als wir zu suchen anfingen, kannten wir alle Grundstücke, die zum Verkauf in ganz Bukarest angeboten wurden. Aber irgendwie wollte sich Chris der Gegend im Zentrum dann doch nicht nähern. Also habe ich vorgeschlagen, dass wir uns auch im Stadtviertel Griviţa umschauen. Und als sie auf Griviţa kam, war es Liebe auf den ersten Blick. Eine Voraussetzung, die wir dem Immobilienmakler genannt hatten, war, dass das Grundstück eine positive Energie ausstrahlen soll. Probieren Sie mal ein Grundstück mit positiver Energie in Google zu finden! Und als wir in der Straße Calea Griviţa Nr. 53 ankamen, stimmte auch die Energie.

Irina Wolf: Was war hier früher?

Tiberiu Mercurian: Es war ein ganz normales Haus, ich würde sagen ein einfaches, altes, kaputtes Haus. Wir sind in der Nachbarschaft vom Bahnhof, was in allen Großstädten als "bunte" Gegend betrachtet wird. Und so war es auch in Calea Griviţa. Vor allem dieser alte Teil der Straße, vom Bahnhof bis Calea Victoriei, wurde zwischen den zwei Weltkriegen das Montmartre von Bukarest genannt. Eben weil es so bunt war, eine ganz interessante kulturelle Mischung zwischen Händlern und unterschiedlichen Sozialschichten. Und es hatte die positive Energie, es hat unseren Wünschen entsprochen. Ich habe gesehen, dass die Wahl stimmt, da schon Sponsoren aus Norwegen Interesse an dem Projekt zeigten.

Also am Anfang hatten wir nur das Geld vom verkauften Haus, um das Grundstück zu kaufen. Und wir wussten, auch von Anfang an, dass wir es alleine nicht schaffen werden. Deswegen war es für uns wichtig, die gesamte Gemeinschaft zu sensibilisieren, um Menschen auf unsere Seite zu bringen. Von Anfang an war der Gedanke da, dass wir es gemeinsam schaffen werden. So haben wir unterschiedliche Kampagnen erstellt und uns interessiert, von wo wir Finanzierungen bekommen können. 2019 haben wir über die norwegischen Fonds, EEA Grants, erfahren. Das war eigentlich der Startpunkt. Damit hatten wir das Geld, um den Bau beginnen zu können. Viele Privatsponsoren interessieren sich für ein Projekt nur dann, wenn sie etwas tatsächlich sehen. Projekte und Träume gibt es viele in Bukarest. Wenn man nur eine Fläche, ein Grundstück sieht, ist das nichts. Aber wenn da eine Baustelle ist, dann ist es ein Traum, der sich verwirklicht. Und das war der Punkt, an dem viele angefangen haben mitzumachen. Ohne die Hilfe der Sponsoren, Privatpersonen und Firmen, hätten wir es nicht geschafft. Wir haben viele Kampagnen durchgeführt. Unsere Kampagne lautete: "Wir verkaufen Ziegelsteine und bauen ein Theater". Und wir haben eine Gemeinschaft, die zurzeit bei über 14.000 Privatpersonen liegt, die irgendeine Summe gespendet haben.

Irina Wolf: Deren Namen stehen auf der Wand im Foyer. Ich habe meinen auch gefunden. Diese Idee mit den Leuchten finde ich gut, weil man sonst seinen Namen nicht ausfindig machen könnte.

Tiberiu Mercurian: Wir haben den Leuten von Anfang an gesagt, dass sie ihren Namen im Foyer finden werden. Und dieses Versprechen haben wir gehalten. Die Firmennamen, die im Foyer sind, die haben auch unterschiedliche Summen gespendet.

Irina Wolf: Oben sind noch freie Plätze bei den Ziegelsteinen.

Tiberiu Mercurian: Ja, wir haben freie Plätze gelassen, weil wir die Ziegelsteine in unterschiedlichen Kampagnen verkauft haben: online, offline. So hatten wir unterschiedliche Datenbanken, bis wir alle Sponsoren identifizieren. Und vielleicht kommt noch etwas, weil man ja laufend Geld braucht.

Irina Wolf: Wir sitzen hier im großen Saal, verstehe ich das richtig?

Tiberiu Mercurian: Ja, das ist der große Saal. Er ist 7,5 Meter breit und 14,5 Meter lang. Wir haben eine multifunktionale Bühne, die ungefähr 8 Meter tief und 7,5 Meter breit ist, 10,5 Meter hoch mit einer Technikbrücke und einem Balkon für das Publikum. Für ein privates Theater in Bukarest ist das sehr gut. Hinzu kommen diverse Räumlichkeiten: ein Café, eine kleine Bibliothek und mehrere Ausstellungsräume.

Irina Wolf: Das sind also 240 Plätze?

Tiberiu Mercurian: Nein, 140: im Erdgeschoss 100 Plätze und 40 auf dem Balkon.

Irina Wolf: Und das wird jetzt mit einer One-Woman-Show eröffnet?

Tiberiu Mercurian: Die One-Woman-Show basiert auf einem Text von Nora Iuga, Mitglied der Griviţa53-Community. Der Text wird am 24. Oktober um Mitternacht gelesen und gespielt von der Schauspielerin Rodica Mandache. Ich möchte auch das künstlerische Konzept des Theaters hervorheben: Es werden Dramatisierungen zeitgenössischer Literatur und Texte inszeniert, die speziell für Griviţa53 geschrieben werden. Wir sind ein Projekttheater, also ohne eigene Theatergruppe.

Irina Wolf: Das heißt, es werden am Anfang nur rumänische Texte sein?

Tiberiu Mercurian: Nicht unbedingt. Chris' Karriere basiert hauptsächlich auf Dramatisierungen von zeitgenössischer Literatur von Pascal Bruckner, von Frédéric Beigbeder, von Éric-Emmanuel Schmitt, später auch von Jan Fosse.

Irina Wolf: Und haben Sie schon ein konkretes Projekt?

Tiberiu Mercurian: Ja. Es sind Künstler, die zusammen mit Regisseur Ştefan Lupu an der ersten Produktion arbeiten. Die Premiere wird Anfang Dezember stattfinden. Wichtig ist, dass wir in Griviţa53 kein klassisches Theater spielen werden. Es werden grenzübergreifende Projekte sein, eine Mischung aus Theater, Tanz usw. Wir wollen in unserem Theater die Schauspieler ein bisschen aus der Komfortzone herausholen.

Irina Wolf: Und Ştefan Lupu wird Regie führen?

Tiberiu Mercurian: Ja, er führt Regie. Er hat ein Casting gemacht. Es ist ein Stück, inspiriert von der Geschichte des Theaters, aus unserem Projekt. Mehr kann ich zur Zeit nicht verraten. Aber es sind schon weitere Projekte geplant. Wir haben Gespräche mit unterschiedlichen Regisseuren geführt und es gibt ein Programm, das bis zum Sommer nächsten Jahres festgelegt ist. (Anm. d. Ü. Das Theater Grivița53 wird Anfang Dezember mit "5+3=9" eröffnet. Mit über 15 Jahren Erfahrung in den darstellenden Künsten als Schauspieler, Choreograf und Regisseur erforscht Ștefan Lupu physisches Theater, Bühnenbewegung und zeitgenössischen Tanz und schafft so emotionale und zugleich humorvolle Erlebnisse.)

Irina Wolf: Ungefähr wie viele Produktionen pro Jahr planen Sie?

Tiberiu Mercurian: Es ist schwer zu planen. Selbstverständlich haben wir einen Plan, aber unser Weg ist ein frischer Weg, ein ganz neuer. Wir planen am Anfang, in den ersten drei Monaten zwei bis drei Premieren herauszubringen und danach jeden zweiten Monat eine neue Premiere. So lautet der Plan. Wir arbeiten mit vielen Künstlern zusammen, und im Künstlerbereich habe ich als Unternehmer gelernt, dass Planen sehr variabel ist. Man muss flexibel sein. Und die Finanzierung geht weiter. (Anm. d. Ü. Die Proben mit Choreografin Andreea Gavriliu beginnen im Januar, mit Regisseur Alexandru Dabija im März. Anschließend sind Aufführungen von Tompa Gábor, Eugen Jebeleanu, Botond Nagy und weiteren Regisseuren geplant, mit denen bereits Gespräche geführt wurden. Grivița53 soll ein lebendiger, kreativer Raum werden, in den man sich verliebt, in dem man gerne verweilt, mit dem man sich identifiziert.)

Irina Wolf: Läuft die weitere Finanzierung noch immer über solche Ziegelsteine? Oder bekommen Sie auch vom Staat oder von der Stadt eine finanzielle Unterstützung?

Tiberiu Mercurian: Leider noch nicht. Es gibt keine gesetzliche Basis, durch die der Staat Privatprojekte unterstützten könnte. Es gibt nur die Finanzierungen pro Projekt, keine langfristige, über mehrere Jahre geplante Finanzierung. Wir versuchen, uns selbst zu finanzieren. Das hatten wir eigentlich von Anfang an vor, als wir den Saal geplant haben. Wir haben einen Businessplan gemacht und festgestellt, dass wir bei 140 Sitzplätzen den wirtschaftlichen Ausgleich mit den Aufführungen erreichen werden. Wir planen also die laufenden Kosten aus Kartenverkauf zu schaffen. Zusätzlich gibt es viele Möglichkeiten, das Gebäude zu vermieten.

Irina Wolf: Es wird also auch Gastspiele geben?

Tiberiu Mercurian: Es wird auch Gastspiele geben. Wir planen, zum Beispiel im Frühjahr eine wichtige Theatergruppe für drei Wochen nach Bukarest zu bringen. Aus dem Ausland. Ein sehr großer Name, ich kann Ihnen zur Zeit nicht viele Details geben, aber es wird irgendwann Mitte März sein (Anm. d. Ü. Inzwischen ist bekannt, dass es sich um Eugenio Barba & Odin Teatret handelt). Das ist eine Premiere für Bukarest. Und wir planen auch andere Events hier zu machen, so dass wir finanziell zurechtkommen. Wir wollen uns selbst finanzieren, wir wollen unabhängig bleiben bis zum Ende. Das heißt, wir können den Saal oder das ganze Gebäude nicht nur für Theater oder für grenzübergreifende Performances vermieten. Man kann auch Firmen-Events hier machen. Aber hauptsächlich wird es Theater sein. Und wir wollen auch mit den anderen Events erst ab 2026 anfangen. Wir wollen erst einmal das Theater etablieren. Die Marke des Theaters soll korrekt aufgebaut werden.

Irina Wolf: Ich hatte gelesen, dass es auch einen Studiosaal gibt?

Tiberiu Mercurian: Ja, er befindet sich über diesem großen Saal. Leider können wir zur Zeit nicht hinein, weil da schon Schauspieler mit Regisseur Ştefan Lupu proben. Der Saal oben ist genauso groß wie dieser, also 7,5 mal 14 Meter, aber nur 4,5 Meter hoch.

Irina Wolf: Und dort kann man auch spielen?

Tiberiu Mercurian: Ja, man kann auch spielen. Dort sind aber noch keine Sessel drinnen, aber es gibt ein Sessel-System, das auch mobil ist.

Irina Wolf: Also man kann den Saal auch anders gestalten? Hier unten auch?

Tiberiu Mercurian: Das ist mühsam, aber man kann das machen. Oben passen um die 70 Leute hinein. Diese Zahlen sind auch gemäß dem Brandschutzgesetz, wegen den Genehmigungen. Wir werden das erste Theater in Bukarest sein, das alle Genehmigungen hat. Damit werden wir werben. Das ist der Vorteil, wenn man ein Gebäude von Null aufbaut.

Irina Wolf: Also von Null ist wirklich fantastisch, wenn man sich das hier anschaut.

Tiberiu Mercurian: Ja, Sie müssen bedenken, dass dieses erst das vierte Theater ist, das aus Privatinitiativen in Rumänien entstanden ist. Das erste wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in Turnu Severin von Theodor Costescu gebaut, das zweite zwischen den beiden Weltkriegen in Focşani von Major Gheorghe Pastia, das dritte 1946 in Bukarest vom Vater des Regisseurs Liviu Ciulei. Er war Bauunternehmer und hat den Wohnblock gebaut, in dem heutzutage das Theater noch vorhanden ist. Das Gebäude war geplant für Notare. Unter dem Hauptsaal hat Liviu Ciuleis Vater den kleinen Saal des Nottara-Theaters für seinen Sohn gebaut. Damals hieß es Odeon-Theater. Es wurde später in Nottara umbenannt und 1946 eingeweiht. Griviţa53 ist eigentlich das erste Theater, das mit Hilfe der Allgemeinheit gebaut wurde. Laut unserem Wissen gibt es auch in Europa wenige Theater oder kaum noch ein anderes Theater, das so errichtet wurde.

Irina Wolf: Hatten Sie mehr Unterstützung von der Theaterbranche oder von der Allgemeinheit insgesamt?

Tiberiu Mercurian: Das war unterschiedlich. Jeder hat seinen Gefühlen entsprechend vibriert. Es haben viele Schauspieler mitgemacht. Man kann das auch auf unserer Webseite nachvollziehen. Da sind Fotos von den unterschiedlichen Kampagnen, zum Beispiel vom Märzchen-Verkauf im Muzeul Ţăranului Român (Anm. d. Ü. das Museum des rumänischen Bauers). Es waren sehr viele Kampagnen, unter anderem die bunten Ostereier, bei denen sich viele Schauspieler und Regisseure beteiligt haben. Auch aus unterschiedlichen Branchen, Sportler, Trainer, Menschen aus der Filmindustrie, nicht nur aus der Theaterbranche. Es war eine offene Einladung für Menschen, die etwas unternehmen und beitragen wollten. Es ist eine schöne Geschichte. Jedes Mal, wenn wir uns die Fotos anschauen, von wo wir angefangen haben und wo wir angekommen sind, ist es eine ganz schöne Geschichte.

Irina Wolf: Da können Sie wirklich stolz sein.

Tiberiu Mercurian: Sind wir auch. Obwohl wir uns noch keine Zeit genommen haben, das alles zu genießen. Das wird erst nach der ersten Produktion passieren, zu Weihnachten. Wir haben immer gesagt: Jetzt haben wir ein Gebäude, ein richtiges Theater werden wir ab Dezember haben. 2016 haben wir im Sommer dieses Grundstück gekauft und das Projekt veröffentlicht. Das wären dann insgesamt neuneinhalb Jahre.

Irina Wolf: Vielen Dank für das Interview!

Ausdrucken?

.
Zurück zur Übersicht