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Tiberiu Mercurian












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Irina Wolf: Beginnen wir von Anfang an: Wie kam es
dazu, ein neues Theater von Null aufzubauen?
Tiberiu Mercurian: Das ist ein Gedanke, mit dem Chris
spielt, seit sie jung war, seitdem sie ihren Abschluss bei der
Theaterakademie in Bukarest gemacht hat. Ihre Karriere war hauptsächlich in
der unabhängigen Theaterszene. 2015 ist sie irgendwann nach Hause gekommen
und hat gesagt, dass wir selbst etwas versuchen müssen, weil es mit dem
rumänischen Staatssystem nicht mehr funktioniert. Sie hatte die Schnauze
voll. Und da fingen wir an, ein Grundstück zu suchen. Sie hatte ein Haus,
das ihrer Großmutter gehörte, und sie hat dieses Haus verkauft. Mit dem Geld
haben wir das Grundstück in Griviţa 53 (Anm. d. Ü. Es handelt sich um die
Straße Griviţa Nr. 53) gekauft. So hat das angefangen.
Irina Wolf: Warum genau dieses Grundstück?
Tiberiu Mercurian: Wir haben in ganz Bukarest
gesucht. Bukarest ist irgendwie atypisch, weil Theater nur im Zentrum der
Stadt passiert. Deswegen musste das Grundstück im Zentrum sein. Das war eine
Voraussetzung. Ich glaube, in dem Sommer als wir zu suchen anfingen, kannten
wir alle Grundstücke, die zum Verkauf in ganz Bukarest angeboten wurden.
Aber irgendwie wollte sich Chris der Gegend im Zentrum dann doch nicht
nähern. Also habe ich vorgeschlagen, dass wir uns auch im Stadtviertel
Griviţa umschauen. Und als sie auf Griviţa kam, war es Liebe auf den ersten
Blick. Eine Voraussetzung, die wir dem Immobilienmakler genannt hatten, war,
dass das Grundstück eine positive Energie ausstrahlen soll. Probieren Sie
mal ein Grundstück mit positiver Energie in Google zu finden! Und als wir in
der Straße Calea Griviţa Nr. 53 ankamen, stimmte auch die Energie.
Irina Wolf: Was war hier früher?
Tiberiu Mercurian: Es war ein ganz normales Haus, ich
würde sagen ein einfaches, altes, kaputtes Haus. Wir sind in der
Nachbarschaft vom Bahnhof, was in allen Großstädten als "bunte"
Gegend betrachtet wird. Und so war es auch in Calea Griviţa. Vor allem
dieser alte Teil der Straße, vom Bahnhof bis Calea Victoriei, wurde zwischen
den zwei Weltkriegen das Montmartre von Bukarest genannt. Eben weil es so
bunt war, eine ganz interessante kulturelle Mischung zwischen Händlern und
unterschiedlichen Sozialschichten. Und es hatte die positive Energie, es hat
unseren Wünschen entsprochen. Ich habe gesehen, dass die Wahl stimmt, da
schon Sponsoren aus Norwegen Interesse an dem Projekt zeigten.
Also am Anfang hatten wir nur das Geld vom verkauften
Haus, um das Grundstück zu kaufen. Und wir wussten, auch von Anfang an, dass
wir es alleine nicht schaffen werden. Deswegen war es für uns wichtig, die
gesamte Gemeinschaft zu sensibilisieren, um Menschen auf unsere Seite zu
bringen. Von Anfang an war der Gedanke da, dass wir es gemeinsam schaffen
werden. So haben wir unterschiedliche Kampagnen erstellt und uns
interessiert, von wo wir Finanzierungen bekommen können. 2019 haben wir über
die norwegischen Fonds, EEA Grants, erfahren. Das war eigentlich der
Startpunkt. Damit hatten wir das Geld, um den Bau beginnen zu können. Viele
Privatsponsoren interessieren sich für ein Projekt nur dann, wenn sie etwas
tatsächlich sehen. Projekte und Träume gibt es viele in Bukarest. Wenn man
nur eine Fläche, ein Grundstück sieht, ist das nichts. Aber wenn da eine
Baustelle ist, dann ist es ein Traum, der sich verwirklicht. Und das war der
Punkt, an dem viele angefangen haben mitzumachen. Ohne die Hilfe der
Sponsoren, Privatpersonen und Firmen, hätten wir es nicht geschafft. Wir
haben viele Kampagnen durchgeführt. Unsere Kampagne lautete: "Wir
verkaufen Ziegelsteine und bauen ein Theater". Und
wir haben eine Gemeinschaft, die zurzeit bei über 14.000 Privatpersonen
liegt, die irgendeine Summe gespendet haben.
Irina Wolf: Deren Namen stehen auf der Wand im Foyer.
Ich habe meinen auch gefunden. Diese Idee mit den Leuchten finde ich gut,
weil man sonst seinen Namen nicht ausfindig machen könnte.
Tiberiu Mercurian: Wir haben den Leuten von Anfang an
gesagt, dass sie ihren Namen im Foyer finden werden. Und dieses Versprechen
haben wir gehalten. Die Firmennamen, die im Foyer sind, die haben auch
unterschiedliche Summen gespendet.
Irina Wolf: Oben sind noch freie Plätze bei den
Ziegelsteinen.
Tiberiu Mercurian: Ja, wir haben freie Plätze
gelassen, weil wir die Ziegelsteine in unterschiedlichen Kampagnen verkauft
haben: online, offline. So hatten wir unterschiedliche Datenbanken, bis wir
alle Sponsoren identifizieren. Und vielleicht kommt noch etwas, weil man ja
laufend Geld braucht.
Irina Wolf: Wir sitzen hier im großen Saal, verstehe
ich das richtig?
Tiberiu Mercurian: Ja, das ist der große Saal. Er ist
7,5 Meter breit und 14,5 Meter lang. Wir haben eine multifunktionale Bühne,
die ungefähr 8 Meter tief und 7,5 Meter breit ist, 10,5 Meter hoch mit einer
Technikbrücke und einem Balkon für das Publikum. Für ein privates Theater in
Bukarest ist das sehr gut. Hinzu kommen diverse Räumlichkeiten: ein Café,
eine kleine Bibliothek und mehrere Ausstellungsräume.
Irina Wolf: Das sind also 240 Plätze?
Tiberiu Mercurian: Nein, 140: im Erdgeschoss 100
Plätze und 40 auf dem Balkon.
Irina Wolf: Und das wird jetzt mit einer
One-Woman-Show eröffnet?
Tiberiu Mercurian: Die One-Woman-Show basiert auf
einem Text von Nora Iuga, Mitglied der Griviţa53-Community. Der
Text wird am 24. Oktober um Mitternacht gelesen und gespielt von der
Schauspielerin Rodica Mandache. Ich möchte auch das künstlerische Konzept
des Theaters hervorheben: Es werden Dramatisierungen zeitgenössischer
Literatur und Texte inszeniert, die speziell für Griviţa53 geschrieben
werden. Wir sind ein Projekttheater, also ohne eigene Theatergruppe.
Irina Wolf: Das heißt, es werden am Anfang nur
rumänische Texte sein?
Tiberiu Mercurian: Nicht unbedingt. Chris' Karriere
basiert hauptsächlich auf Dramatisierungen von zeitgenössischer Literatur
von Pascal Bruckner, von Frédéric Beigbeder, von Éric-Emmanuel Schmitt,
später auch von Jan Fosse.
Irina Wolf: Und haben Sie schon ein konkretes
Projekt?
Tiberiu Mercurian: Ja. Es sind Künstler, die zusammen
mit Regisseur Ştefan Lupu an der ersten Produktion arbeiten. Die Premiere
wird Anfang Dezember stattfinden. Wichtig ist, dass wir in Griviţa53 kein
klassisches Theater spielen werden. Es werden grenzübergreifende Projekte
sein, eine Mischung aus Theater, Tanz usw. Wir wollen in unserem Theater die
Schauspieler ein bisschen aus der Komfortzone herausholen.
Irina Wolf: Und Ştefan Lupu wird Regie führen?
Tiberiu Mercurian: Ja, er führt Regie. Er hat ein
Casting gemacht. Es ist ein Stück, inspiriert von der Geschichte des
Theaters, aus unserem Projekt. Mehr kann ich zur Zeit nicht verraten. Aber
es sind schon weitere Projekte geplant. Wir haben Gespräche mit
unterschiedlichen Regisseuren geführt und es gibt ein Programm, das bis zum
Sommer nächsten Jahres festgelegt ist. (Anm. d. Ü. Das Theater Grivița53
wird Anfang Dezember mit "5+3=9"
eröffnet. Mit über 15 Jahren Erfahrung in den darstellenden Künsten als
Schauspieler, Choreograf und Regisseur erforscht Ștefan Lupu physisches
Theater, Bühnenbewegung und zeitgenössischen Tanz und schafft so emotionale
und zugleich humorvolle Erlebnisse.)
Irina Wolf: Ungefähr wie viele Produktionen pro Jahr
planen Sie?
Tiberiu Mercurian: Es ist schwer zu planen.
Selbstverständlich haben wir einen Plan, aber unser Weg ist ein frischer
Weg, ein ganz neuer. Wir planen am Anfang, in den ersten drei Monaten zwei
bis drei Premieren herauszubringen und danach jeden zweiten Monat eine neue
Premiere. So lautet der Plan. Wir arbeiten mit vielen Künstlern zusammen,
und im Künstlerbereich habe ich als Unternehmer gelernt, dass Planen sehr
variabel ist. Man muss flexibel sein. Und die Finanzierung geht weiter.
(Anm. d. Ü. Die Proben mit Choreografin Andreea Gavriliu beginnen im Januar,
mit Regisseur Alexandru Dabija im März. Anschließend sind Aufführungen von
Tompa Gábor, Eugen Jebeleanu, Botond Nagy und weiteren Regisseuren geplant,
mit denen bereits Gespräche geführt wurden. Grivița53 soll ein lebendiger,
kreativer Raum werden, in den man sich verliebt, in dem man gerne verweilt,
mit dem man sich identifiziert.)
Irina Wolf: Läuft die weitere Finanzierung noch immer
über solche Ziegelsteine? Oder bekommen Sie auch vom Staat oder von der
Stadt eine finanzielle Unterstützung?
Tiberiu Mercurian: Leider noch nicht. Es gibt keine
gesetzliche Basis, durch die der Staat Privatprojekte unterstützten könnte.
Es gibt nur die Finanzierungen pro Projekt, keine langfristige, über mehrere
Jahre geplante Finanzierung. Wir versuchen, uns selbst zu finanzieren. Das
hatten wir eigentlich von Anfang an vor, als wir den Saal geplant haben. Wir
haben einen Businessplan gemacht und festgestellt, dass wir bei 140
Sitzplätzen den wirtschaftlichen Ausgleich mit den Aufführungen erreichen
werden. Wir planen also die laufenden Kosten aus Kartenverkauf zu schaffen.
Zusätzlich gibt es viele Möglichkeiten, das Gebäude zu vermieten.
Irina Wolf: Es wird also auch Gastspiele geben?
Tiberiu Mercurian: Es wird auch Gastspiele geben. Wir
planen, zum Beispiel im Frühjahr eine wichtige Theatergruppe für drei Wochen
nach Bukarest zu bringen. Aus dem Ausland. Ein sehr großer Name, ich kann
Ihnen zur Zeit nicht viele Details geben, aber es wird irgendwann Mitte März
sein (Anm. d. Ü. Inzwischen ist bekannt, dass es sich um Eugenio Barba &
Odin Teatret handelt). Das ist eine Premiere für Bukarest. Und wir planen
auch andere Events hier zu machen, so dass wir finanziell zurechtkommen. Wir
wollen uns selbst finanzieren, wir wollen unabhängig bleiben bis zum Ende.
Das heißt, wir können den Saal oder das ganze Gebäude nicht nur für Theater
oder für grenzübergreifende Performances vermieten. Man kann auch
Firmen-Events hier machen. Aber hauptsächlich wird es Theater sein. Und wir
wollen auch mit den anderen Events erst ab 2026 anfangen. Wir wollen erst
einmal das Theater etablieren. Die Marke des Theaters soll korrekt aufgebaut
werden.
Irina Wolf: Ich hatte gelesen, dass es auch einen
Studiosaal gibt?
Tiberiu Mercurian: Ja, er befindet sich über diesem
großen Saal. Leider können wir zur Zeit nicht hinein, weil da schon
Schauspieler mit Regisseur Ştefan Lupu proben. Der Saal oben ist genauso
groß wie dieser, also 7,5 mal 14 Meter, aber nur 4,5 Meter hoch.
Irina Wolf: Und dort kann man auch spielen?
Tiberiu Mercurian: Ja, man kann auch spielen. Dort
sind aber noch keine Sessel drinnen, aber es gibt ein Sessel-System, das
auch mobil ist.
Irina Wolf: Also man kann den Saal auch anders
gestalten? Hier unten auch?
Tiberiu Mercurian: Das ist mühsam, aber man kann das
machen. Oben passen um die 70 Leute hinein. Diese Zahlen sind auch gemäß dem
Brandschutzgesetz, wegen den Genehmigungen. Wir werden das erste Theater in
Bukarest sein, das alle Genehmigungen hat. Damit werden wir werben. Das ist
der Vorteil, wenn man ein Gebäude von Null aufbaut.
Irina Wolf: Also von Null ist wirklich fantastisch,
wenn man sich das hier anschaut.
Tiberiu Mercurian: Ja, Sie müssen bedenken, dass
dieses erst das vierte Theater ist, das aus Privatinitiativen in Rumänien
entstanden ist. Das erste wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in Turnu Severin
von Theodor Costescu gebaut, das zweite zwischen den beiden Weltkriegen in
Focşani von Major Gheorghe Pastia, das dritte 1946 in Bukarest vom Vater des
Regisseurs Liviu Ciulei. Er war Bauunternehmer und hat den Wohnblock gebaut,
in dem heutzutage das Theater noch vorhanden ist. Das Gebäude war geplant
für Notare. Unter dem Hauptsaal hat Liviu Ciuleis Vater den kleinen Saal des
Nottara-Theaters für seinen Sohn gebaut. Damals hieß es Odeon-Theater. Es
wurde später in Nottara umbenannt und 1946 eingeweiht. Griviţa53 ist
eigentlich das erste Theater, das mit Hilfe der Allgemeinheit gebaut wurde.
Laut unserem Wissen gibt es auch in Europa wenige Theater oder kaum noch ein
anderes Theater, das so errichtet wurde.
Irina Wolf: Hatten Sie mehr Unterstützung von der
Theaterbranche oder von der Allgemeinheit insgesamt?
Tiberiu Mercurian: Das war unterschiedlich. Jeder hat
seinen Gefühlen entsprechend vibriert. Es haben viele Schauspieler
mitgemacht. Man kann das auch
auf unserer Webseite nachvollziehen.
Da sind Fotos von den unterschiedlichen Kampagnen, zum Beispiel vom
Märzchen-Verkauf im Muzeul Ţăranului Român (Anm. d. Ü. das Museum des
rumänischen Bauers). Es waren sehr viele Kampagnen, unter anderem die bunten
Ostereier, bei denen sich viele Schauspieler und Regisseure beteiligt haben.
Auch aus unterschiedlichen Branchen, Sportler, Trainer, Menschen aus der
Filmindustrie, nicht nur aus der Theaterbranche. Es war eine offene
Einladung für Menschen, die etwas unternehmen und beitragen wollten. Es ist
eine schöne Geschichte. Jedes Mal, wenn wir uns die Fotos anschauen, von wo
wir angefangen haben und wo wir angekommen sind, ist es eine ganz schöne
Geschichte.
Irina Wolf: Da können Sie wirklich stolz sein.
Tiberiu Mercurian: Sind wir auch. Obwohl wir uns noch
keine Zeit genommen haben, das alles zu genießen. Das wird erst nach der
ersten Produktion passieren, zu Weihnachten. Wir haben immer gesagt: Jetzt
haben wir ein Gebäude, ein richtiges Theater werden wir ab Dezember haben.
2016 haben wir im Sommer dieses Grundstück gekauft und das Projekt
veröffentlicht. Das wären dann insgesamt neuneinhalb Jahre.
Irina Wolf: Vielen Dank für das Interview! |
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