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Wo sind unsere Träume hin?

Marx' Kapital war Teil der 13. Ausgabe des Theaterfestivals MITEM (Madách International
Theatre Meeting), das vom 10. April bis zum 11. Mai stattfand. Seit seiner Gründung im Jahr
2014 hat sich MITEM als Plattform für den Dialog zwischen Theatertraditionen und ästhetischen
Ansätzen etabliert. Die diesjährigen Festspiele wurden mit Shakespeares Richard III. in der
Regie von István Albu (Rumänien) eröffnet und ebenfalls mit Richard III., inszeniert von Itay Tiran
(Israel), beendet. Das Konzept "Von Richard zu Richard" war nicht nur eine kuratorische
Geste, sondern auch eine Reflexion über das gegenwärtige "Europa im
Ausnahmezustand". Das Programm umfasste unter anderem Werke von
Sophokles, Molière, Voltaire, Gogol und Tschechow.

Von Irina Wolf
(05. 06. 2026)

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   Schon beim Betreten des Saals bemerke ich die riesigen Masken in den Logen: Marx und Engels links, Lenin rechts von der Bühne. Das passt sehr gut zum Titel der Aufführung: Marx' Kapital. Die opulente Produktion des Nationaltheaters Budapest wurde von einer Welle der Kritik begleitet, da mehrere Menschen, darunter auch der Leiter des Instituts für Kommunismusforschung, davon überzeugt waren, dass sie die marxistische Ideologie verherrlichen würde. Ganz im Gegenteil: Attila Vidnyánszkys Inszenierung ist eine Anklage gegen den Kommunismus. Sie lädt den Zuschauer ein, über die Auswirkungen der von Marx propagierten Ideen nachzudenken.

Der gemeinsam mit der Dramatikerin Réka Szabó verfasste Text zitiert auch aus Marx’ Briefwechsel mit Engels, aus den Reden Lenins und Stalins und sogar aus der Bibel. Auf den ersten Blick erscheint die Inszenierung eindeutig: Wir befinden uns in einem Prozesssaal. Die Angeklagten sind Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mátyás Rákosi – kommunistischer Führer Ungarns von 1948 bis 1956. Wir, das Publikum, bilden die Jury. Im rot-schwarzen Bühnenbild, das an ein antikes griechisches Theater erinnert, sitzen Verteidiger und Staatsanwalt. Letzterer fragt zu Beginn der Aufführung, ob im Saal Proletarier, Oligarchen, Ausgebeutete oder Prostituierte befinden. Das Publikum lacht, macht aber mit: Einige Zuschauer heben die Hände.

   Es handelt sich jedoch um einen ungewöhnlichen Prozess. Die vielschichtige Inszenierung greift ebenfalls Elemente aus dem Theaterstück "Agón" des Komponisten und Philosophen Péter Pál Józsa auf, das den spirituellen Kampf der Menschheit auf der Suche nach Sinn und Erlösung schildert. Die dargestellte Geschichte, in der sich auch Passagen aus dem Johannesevangelium wiederfinden, tendiert zunehmend zur religiösen Dimension. Das Brechen der sieben Siegel, das den vom Lamm Gottes ausgelösten Beginn apokalyptischer Ereignisse markiert, wird von einem kleinen Mädchen in einem weißen Kleid verkündet.

Die Überflutung mit visuellen Reizen erschwert die Verarbeitung des erheblichen Textumfangs. Auf der Bühne befinden sich unter anderem Geldbündel, ein in ein schwarzes Leichentuch gehülltes Lamm, ein Klavier, das von der Decke hängt. Zahlreiche Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts werden per Videoprojektion zitiert. Mao Zedong, Breschnew, Ceaușescu und andere Diktatoren, die aus Marx' Ideen hervorgingen, sind als Matrjoschka-Puppen verkörpert. Ein Live-Orchester – mit einem Kind als Schlagzeuger – vervollständigt das Bühnengeschehen. Rote Bänder werden ins Publikum geworfen. Die schauspielerische Leistung ist makellos, doch nach einer Weile kann der Zuschauer leicht den Faden verlieren.

   Trotz der sorgfältig skizzierten Ausgangslage bricht die fast vierstündige Aufführung im Laufe des Abends ihre eigenen Regeln. Verweise auf den Einfluss von Marx’ Werk auf die Gegenwart lassen nicht lange auf sich warten: Die Terroranschläge vom 11. September in New York, Fake News und die exzessive Globalisierung werden erwähnt. An einer Stelle trägt der Staatsanwalt eine MAGA-Kappe und spricht wie Donald Trump. Lenin und Stalin machen oft Selfies mit Jugendlichen, und das Foto wird im Hintergrund auf eine Leinwand projiziert. Gegen Ende erscheint Adolf Hitler an der Rampe. Der heilige Johannes scheint besiegt zu sein: Er hängt schief von der Decke. Auf der Bühne bricht die Hölle los: In Frauenkleidern, mit teuflischen Schwänzen, singt und tanzt das Quintett der Angeklagten inmitten von Maschinengewehrgeräuschen und Panzerbildern. Am Ende wird das Urteil Jesus Christus anvertraut.

"Das Werk des deutschen Philosophen ist im Grunde nur ein Vorwand, um Bilanz über die Ursprünge von Prinzipien zu ziehen, die heute oft unhinterfragt bleiben und soziale Phänomene wie Cancel Culture oder Wokeness hervorbringen", sagt der Schöpfer dieser spektakulären Inszenierung.

Reflexionen über zwischenmenschliche Beziehungen

   Marx' Kapital war Teil der 13. Ausgabe des Theaterfestivals MITEM (Madách International Theatre Meeting), das vom 10. April bis zum 11. Mai stattfand. Seit seiner Gründung im Jahr 2014 hat sich MITEM als Plattform für den Dialog zwischen Theatertraditionen und ästhetischen Ansätzen etabliert. Die diesjährigen Festspiele wurden mit Shakespeares Richard III. in der Regie von István Albu (Rumänien) eröffnet und ebenfalls mit Richard III., inszeniert von Itay Tiran (Israel), beendet. Das Konzept "Von Richard zu Richard" war nicht nur eine kuratorische Geste, sondern auch eine Reflexion über das gegenwärtige "Europa im Ausnahmezustand". Das Programm umfasste unter anderem Werke von Sophokles, Molière, Voltaire, Gogol und Tschechow.

Eines der kennzeichnenden Merkmale von MITEM ist die geografische Vielfalt. Produktionen aus Paris, Barcelona, Antwerpen, Tiflis, Zakopane, Belgrad, Bukarest, Plovdiv, Skopje und Leeuwarden standen auf dem Programm. Die Ukraine war durch Gogols Der Staatsinspektor – Ревізор, eine Koproduktion des Nationaltheaters Budapest und des Ungarischen Transkarpatischen Regionaltheaters Berehowe (Regie: Attila Vidnyánszky Jr.) vertreten. Russland hingegen wurde durch tatarische Institutionen repräsentiert. Herz meiner Seele war Teil der den ethnischen und sprachlichen Minderheiten gewidmeten MITEM-Sektion.

   Der Titel der Produktion des Tatarischen Staatlichen Akademischen Theaters Galiasgar-Kamal in Kasan bezieht sich auf Tschechows Anrede in seinen Briefen an Lydia Misinowa, auch Lika genannt. Es ist bekannt, dass die Handlung seines Theaterstücks "Die Möwe" auf Ereignissen aus Likas Leben basiert. Beide lernten sich 1889 kennen. Er war 29, sie 19 Jahre alt. Ihre Freundschaft spiegelte sich in einem Briefwechsel wider, der der Nachwelt immer wieder Anlass gab, über die wahren Gefühle, die sie verbanden, zu spekulieren. Das von Farid Bikchantaev inszenierte Stück basiert auf diesem Briefwechsel, der von 14 jungen Schauspielern in eine ironische und humorvolle Geschichte über die Vergänglichkeit des Glücks verwandelt wird. Es handelt sich um eine Abschlussaufführung der Schauspielstudierenden, die ins Repertoire des Theaters aufgenommen wurde. Sieben identisch gekleidete Männer sind Tschechow. Weitere sieben Frauen verkörpern Lika. Die Kälte des russischen Winters wird raffiniert durch Mäntel und Jacken dargestellt, die Lika zeitweise fast erdrücken. Die Inszenierung ist temporeich, gut strukturiert. Schauspieler und Musik tragen zur Erschaffung einer lebendigen Bühnensprache bei.

Im Rahmen der serbisch-ungarischen Kultursaison wurde das psychologische Familiendrama Das Aquarium gezeigt. Das Stück der jungen Autorin Nina Plavanjac, die auch Regie am Nationaltheater Subotica führte, erzählt von drei Frauengenerationen, die negative Lebenswerte von Mutter zu Tochter weitergeben. Sie werden von ihren Ehemännern verlassen und sind dazu verdammt, ihre Kinder alleine großzuziehen. Die Jüngste versucht mit diesem Erbe zu brechen, indem sie ins Ausland geht und nicht heiratet, dafür aber eine Beziehung mit einem verheirateten Mann eingeht, der zugleich ihr Vorgesetzter ist. Gezwungen in ihre Elternwohnung zurückzukehren, nachdem ihre an Demenz erkrankte Mutter aus dem Pflegeheim entlassen wurde, konfrontieren Tochter und Mutter nach Jahren des Schweigens einander. Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen in Nina Plavanjacs Inszenierung auf harmonische Weise ineinander. Auf der Bühne befindet sich ein Kubus mit transparenten Wänden, in dem die beiden miteinander in Dialog treten. Draußen spuken Geister der Vergangenheit: die Pflegerin aus dem Pflegeheim (die auch die Rolle der Großmutter übernimmt), der an Alkoholismus verstorbene Ehemann und eine weitere vermisste Tochter. Als die Mutter zusammenbricht, bewegen sich zwei gegenüberliegende Wände des Kubus nach innen, als würden sie die beiden Frauen zerdrücken. Die Mutter schließt sich den Geistern an. Die Tochter bleibt alleine im nun dunklen Raum zurück. Fische, die in alle Richtungen schwimmen, werden an die Wände projiziert. Das Erbe scheint gebrochen, die Harmonie des Lebens wiederhergestellt.

Ein Meisterwerk über Vielfalt und Identität

   Unter den 26 Aufführungen von 21 Theatern aus 15 Ländern befanden sich auch solche, in denen Körper und Rhythmus im Vordergrund standen. Als prägnantes Beispiel dafür griff Pinocchio. Was ist eine Person?, präsentiert vom Teatro di Napoli und Interno5 aus Neapel, eine der zentralen Fragen des Festivals auf: Was bedeutet es heute, nach den Katastrophen der letzten Jahrhunderte, Mensch zu sein? In dem von Davide Iodice dramatisierten und inszenierten Werk wird Carlo Collodis Geschichte als Spiegel der heutigen Gesellschaft neu interpretiert.

Iodice wirft mit seiner ungewöhnlichen Performance viele Fragen auf. Die Protagonisten auf der leeren Bühne sind junge Menschen mit zahlreichen Neurodiversitäten: Down-Syndrom, Autismus-Spektrum-Störung, Williams- oder Asperger-Syndrom. Sie werden von Gestalten mit Esel-, Kaninchen- oder Fuchsmasken begleitet. Ein großes Kreuz mit darauf festgenagelten Büchern über Vorurteile und Diskriminierung wird von einer sprechenden Grille getragen, die unter der Last fast zusammenbricht. Aus einem Tanzkreis treten nacheinander Eltern-Kind-Paare auf und stellen sich dem Publikum vor. Die Eltern setzen dann ihrem geliebten Kind eine "Pinocchio"-Nase auf. Einer dieser Pinocchios kann nicht laufen, ein anderer träumt von einer Freundin, einem Führerschein oder einem Theater nur für ihn. Schon beim ersten Wortwechsel entfacht sich Magie wie ein Funke aus dem Zauberstab einer Blauen Fee. Zwischen Holzscheiten und Kerzen, traumhaften Prozessionen von Müttern und Feen, erzählt diese mitreißende Inszenierung die Geschichte der berühmtesten Puppe der Welt. Und sie tut dies aus der Perspektive derer, die am meisten leiden. Pinocchio. Was ist eine Person? enthüllt das Potenzial des Körpers als einzigartiges Erzähl-Instrument.

   MITEM stellte unterschiedliche Handschriften der beteiligten Künstler vor und machte zugleich die Vielfalt künstlerischer Positionen, die heute in Europa aktiv sind, sichtbar. Das kuratorische Konzept verband die einzelnen Arbeiten außerdem zu einem gemeinsamen Raum, in dem sie miteinander in Dialog traten. Dadurch entstanden ganz neue inhaltliche Bezüge. Ob in dokumentarischem Theater oder körperbetonten Performances – immer ging es um die Frage, wie wir die Welt wahrnehmen, wie Zeit sichtbar wird und wie sich Räume verändern oder neu denken lassen.
 


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