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Montenegro zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Der erste montenegrinische Showcase, der vom 13. bis 17. Mai stattfand, offenbarte
mir nicht nur eine lebendige und dynamische Theaterszene, sondern auch eine
herzliche Gastfreundschaft, wie ich sie selten erlebt habe.

Von Irina Wolf
(08. 07. 2026)

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   Das vom Theaterkritiker Ivan Medenica kuratierte Programm wurde im Nationaltheater von Montenegro (MNT) in der Hauptstadt Podgorica mit der Produktion Die Kehrseite eröffnet. Das von Boris Liješević dramatisierte und inszenierte Theaterprojekt basiert auf von den Schauspielern selbst beigesteuertem Material. Der für seine dokumentarischen Theaterarbeiten bekannte Künstler untersucht darin die Verbindungen zwischen politischer Elite und Mafia, Drogenhandel und umstrittenen Immobilienprojekten. Der dichte Text und die makellose schauspielerische Leistung führten uns ein in die dunkelsten Seiten des Zusammenspiels von Unterwelt, Justiz, Polizei und Medizin in Montenegro. Wenn ich an der Inszenierung etwas auszusetzen hätte, dann wäre es das Fehlen jeglicher Hoffnung. Kein Wunder, dass diese Produktion auf Tourneen im ehemaligen Jugoslawien große Erfolge feierte und zahlreiche Preise gewann.

Die im MNT-Studiosaal gezeigte Inszenierung Tod in Dubrovnik thematisierte eines der dunkelsten Kapitel der montenegrinischen Geschichte: die Beteiligung an Kriegsverbrechen Anfang der 1990er-Jahre auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien, als die montenegrinische Politik eng mit der des serbischen Präsidenten Slobodan Milošević verknüpft war.

Die Produktion des seit zwanzig Jahren bestehenden unabhängigen Theaterstudios "Prazan Postor" aus Podgorica entstand in Zusammenarbeit mit Action for Human Rights und basiert auf dreißig Interviews sowie Archivmaterial. Das über drei Jahre entwickelte Werk in der Regie von Petar Pejaković gleicht einem experimentellen Labor: Während die fünf Schauspieler uns in die Ereignisse einführen, bereiten sie ein stark nach Knoblauch riechendes Gericht zu. Was zunächst wie ein harmloses Spiel wirkt, artet allmählich in einen tragischen Konflikt aus. Die Regie-Idee, Kämpfe auf einer Vielzahl von auf dem Bühnenboden verstreuten Orangen darzustellen, die die Schauspieler mit ihren Füßen zertreten, fand ich sehr originell. Somit steht nicht nur das visuelle Erfahren im Zentrum, sondern auch das olfaktorische Erleben. Die einzige Schauspielerin greift erst am Ende ein, als von dieser weiblichen Präsenz, die den Lebensbaum während der gesamten Aufführung in ihren Armen trägt, die Hoffnung auf eine Welt ohne Gewalt auszugehen scheint.

Stellung der Frau, zwischen Marginalisierung und Emanzipation

   Zurück im großen Saal des Nationaltheaters von Montenegro erlebten wir eine radikale Medea-Modernisierung des slowenischen Regisseurs Diego de Brea. Ausgehend von Euripides’ Tragödie verknüpft Der Fall Medea verschiedene Texte. Im Fokus dieser Koproduktion des MNTs und des Kulturzentrums Bar steht die obsessive Liebe. Trotz einiger visueller und akustischer Regie-Übertreibungen gebührt der Erfolg der Aufführung allein der Hauptdarstellerin Nada Vukčević, die die Bühne mit jeder Bewegung und jedem Gesichtsausdruck beherrscht.

Das 1953 gegründete Nationaltheater Montenegros bietet neben Schauspiel auch Konzerte, Opern- und Tanzaufführungen an. So überraschte es nicht, dass die Tanzperformance Wann wird es enden? auf dem Programm stand. Die Koproduktion der zeitgenössischen Tanzgruppe Ballo und des Nationaltheaters zeigte schwerwiegende Themen wie Femizid und häusliche Gewalt. Die Schauspielerin Julija Milačić Petrović Njegoš und die Choreografin Tamara Vujošević-Mandić zeichneten gekonnt, gemeinsam mit fünf jungen professionellen Schauspielern und einer Ballerina, einen dramatischen Bogen von globaler bis hin zu intimer Gewalt gegenüber Frauen. Die Vorstellung der im Jahr 2000 als Nichtregierungsorganisation gegründeten Tanzgruppe Ballo ist umso bemerkenswerter, zumal es in Montenegro keine institutionelle Ausbildung im zeitgenössischen Tanzbereich gibt. Die Unterstützung dieses Projekts durch das Nationaltheater Montenegros ist daher umso bedeutsamer.

   Viele andere Produktionen haben die Stellung der Frau in der Gesellschaft, sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart, angesprochen. Das Monodrama Elena von Savoyen bot ein außergewöhnlich reflektiertes und leidenschaftliches Geständnis der Gemahlin Viktor Emanuels III. von Italien und Tochter von König Nikola I. Petrović Njegoš, der als Gründer des modernen montenegrinischen Staates gilt. Marija Saraps Text vermittelt eindrücklich die innere Unruhe der jungen Frau, die gezwungen wird zu heiraten, um die Staatsinteressen ihres Vaters zu befriedigen. Musik und hervorragende Schauspielkunst verschmolzen harmonisch in dieser Produktion des freien Theaters Korifej aus Kolašin (Regie: Zoran Rakočević).

In der Hauptstadt Podgorica entdeckte ich außerdem ein Stadttheater, das sein 75-jähriges Bestehen feierte. Der Polylog Das Unkraut der Autorin Mirjana Medojević verwob gekonnt Geschichten über sieben Frauen, die am Vorabend des Internationalen Frauentags in einem Keller Blumensträuße binden, wobei die Illusion des bevorstehenden Feiertags und die wirtschaftliche Unsicherheit, in der diese Frauen leben, ironisch gegenübergestellt werden. Die Inszenierung von Mirko Radonjić, einer der bedeutendsten Künstler des zeitgenössischen montenegrinischen Theaters, beginnt vielversprechend: Auf der Bühne prangt der Vorderteil eines in zwei Hälften geschnittenen Autos. Wirkungsvoll sind die blumigen Kostüme der sieben Schauspielerinnen. Trotz des lobenswerten Anliegens, die Rolle der Frau in der Gesellschaft aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, wiederholt die Inszenierung zu viele Klischees und Vorurteile, darunter die Behauptung, gewalttätige Ehemänner hätten türkische Wurzeln. Da die Premiere nur einen Tag vor der Vorstellung im Rahmen des Showcases stattfand, war die Produktion des Stadttheaters dennoch ein besonderes Ereignis.

In der alten Hauptstadt und an der Adriaküste

   Basierend auf einer Fernsehserie aus den 1980er-Jahren, setzte sich eine zweite Inszenierung desselben Regisseurs, diesmal in der ehemaligen Hauptstadt Cetinje, mit der sozialen Stellung der Frau in ländlichen Gebieten Montenegros auseinander. Gezeigt in der ältesten Institution des Landes, im 1884 gegründeten Königlichen Theater "Zetski dom", verband Đekna auf organische Weise Erzählung, Objekte, Schatten und Bewegung, und erwies sich als deutliche Kritik an der patriarchalischen Welt.

Eine der interessantesten Produktionen war Der Fall Virdžina. Geschrieben von Stela Mišković und inszeniert von Dora Ruždaj Podolski aus Kroatien, thematisierte dieses Stationentheater durch das Gebäude des Königlichen Theaters "Zetski dom" in Cetinje ein für die Regionen des westlichen Balkans charakteristisches Phänomen: Eine "Virdžina“ war ein Mädchen, das auf Wunsch der Familie, oft mangels eines männlichen Erben, in jungen Jahren eine männliche Identität annahm, sich zur Ehelosigkeit verpflichtete, Männerkleidung trug und schwere körperliche Arbeit verrichtete. Die letzte "Virdžina“ Montenegros, die in der Inszenierung per Video zugeschaltet wird, starb vor zehn Jahren.

   Fester Sprachrhythmus prägt Jon Fosses Stück Heiß, das in einem Hotelzimmer in Budva, der "Perle der Adria" und Montenegros Touristenhauptstadt, aufgeführt wurde. Filip Grinvalds Inszenierung umfasste einen Musiker, zwei Schauspieler und eine Schauspielerin, die zum Theaterkollektiv L.O.F.T. (Location of the Freedom Theatre) gehören. Die Wahl dieses Stücks über drei in Zeit und Raum gefangene Menschen passt hervorragend zu dieser unabhängigen Theatergruppe, die sich aus professionellen Schauspielern aus Russland zusammensetzt, die nach Budva emigriert sind. Der Showcase endete im Kulturzentrum der Küstenstadt Tivat mit der Musical-Komödie Contra Mundum, die auf der Biografie von Salvador Dalí basiert.

Das äußerst abwechslungsreiche Programm, das sowohl Produktionen staatlicher als auch freier Theater sowie eine zeitgenössische Tanzperformance umfasste, wurde mit Unterstützung des montenegrinischen Ministeriums für Kultur und Medien realisiert. Im Rahmen der Feierlichkeiten zum zwanzigsten Jahrestag der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Montenegros am 21. Mai unterstrich der Showcase die Bedeutung, die der Kultur und insbesondere dem Theater in dem kleinen Balkanland beigemessen wird.
 


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