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Rettung für Mutter Erde

Mutter (Madre) heißt Marco Martinellis neues zweiteiliges Theaterstück. Auf den
ersten Blick scheint es sich um einen Generationenkonflikt zu handeln: Nachdem die in die
Jahre gekommene Mutter in einen Schacht gefallen ist, plant ihr Sohn, sie aus dem Loch
herauszuziehen, oder zumindest äußert er diese Absicht. Wer aber mit Martinellis Werken
vertraut ist, weiß, dass seine Texte mehrere Ebenen aufweisen und das Publikum
vor unterschiedliche intellektuelle Herausforderungen stellen.

Von Irina Wolf
(07. 02. 2022)

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   "Mutter" ist nicht nur die Darstellung eines Generationenkonfliktes. Dem Dramatiker und Regisseur Martinelli hat es ebenfalls am Herzen gelegen, sich der zerstörerischen Kraft des Menschen gegenüber der Natur anzunehmen. So verwandelt sich langsam das Bild einer dementen Greisin in die Mutter Erde. Auch der Einfluss der Technologie auf unser Leben sowie die Spaltung der Gesellschaft in der Flüchtlingsdebatte, die als Bedrohung wahrgenommen wird, sind in "Mutter" thematisiert.

Weichenstellung fürs Leben

   Das Stück besteht aus zwei Monologen. Zum einen spricht der Sohn von außerhalb des Schachtes auf die hineingefallene Mutter ein, zum anderen ertönt anschließend vom Grund des Brunnens die Stimme der Mutter. Durch raffiniertes Zusammenfügen von Wörtern enthüllt der Sohn nicht nur das Bild der Mutterfigur, sondern vielmehr das Bild der Welt an sich. Es ist ein von Technologie geprägter, menschenleerer Lebensraum, in dem täglich das Vertrauen in den Nächsten verloren geht. Ein Gewitter scheint diese Welt zu bedrohen: "Es ist überall dunkel", Drachen und "eine Herde Dämonenpferde fressen alles auf, was ihnen in den Weg kommtˮ. Und obwohl der Sohn "groß und stark", ein "echter Riese" ist, ist er der Auffassung, die Mutter nicht alleine aus dem Schacht herausziehen zu können. Immer wieder findet er Gründe, um sich vor seiner Aufgabe zu drücken. Letztendlich, unter der immer akuter werdenden Bedrohung des Sturms, verschwindet der Sohn, um Hilfe zu holen. Und nun kommt die Mutter zu Wort.

Sie rätselt darüber, wie sie überhaupt in den Schacht hineingefallen ist. Eine Möglichkeit wäre, dass der Sohn sie aus Versehen hineingeschubst hat. Wie blind hetzt er ständig dahin, unfähig, irgendetwas in seiner Umgebung zu bemerken oder der Stimme der Natur zuzuhören. Die Mutter erzählt auch von der Legende vom gelben Kaiser und der Spiegelwelt, in der menschliche Wesen in einer anderen Welt gefangen sind. Durch die Kraft solcher Worte entstehen eindringliche Bilder in den Köpfen der Zuschauer. Marco Martinelli ist ein Meister der Symbole. Sein Drama lässt viele Fragen offen. Wird die Mutter im Schacht bis zur Auferstehung zu Ostern bleiben, wie der Sohn andeutet? Wird die kleine Schlange, die in die Haut der Mutter eindringt, zur Erneuerung führen? Oder wird das Reptil sie zerstören? Es gibt wenige Symbole, die so vieldeutig und vielschichtig sind und eine solche Spannbreite polyvalenter Bedeutungen aufweisen.

Musik, Text und Zeichnungen verschmelzen ineinander

   Die zwei Monologe sind eingerahmt von Regieanweisungen. Marco Martinelli setzt "Mutter" zusammen mit der Schauspielerin Ermanna Montanari, dem Zeichner Stefano Ricci und dem Kontrabassisten und Komponisten Daniele Roccato auf der Bühne um. Montanari, zugleich Autorin und Bühnenbildnerin, mit Martinelli Mitbegründerin des Teatro delle Albe in Ravenna, verkörpert beide Protagonisten: den Sohn und die Mutter. Auf der Bühne befinden sich ein Kontrabass, eine Tischlampe, deren Schein auf runde Kartonbögen fällt und ein Notenpult mit Mikrofon. An Letzterem wird Montanari im Halbdunkel stehen und den Text übermitteln. Bekannt für ihre umfangreiche Untersuchung der Stimmmöglichkeiten, kann Ermanna Montanari eine große Bandbreite von Gefühlen durch die Modulationsfähigkeit ihrer Stimme ausdrücken. So wird Martinellis Text geflüstert, gesprochen, zum Teil ausgerufen; zeitweise kommt ein Knarren oder ein Krächzen aus Montanaris Kehle. Passend dazu ertönt die von Daniele Roccato komponierte Musik.

In dem Künstler-Trio spielt Stefano Ricci eine ausschlaggebende Rolle. Auf dem Boden kniend, beugt er sich über schwarze Kartonbögen und zeichnet darauf mit weißer Kreide mit dem Text übereinstimmende Figuren und Orte, die in Echtzeit auf die hintere Bühnenwand projiziert werden. In Windeseile entstehen die Gestalt des Sohnes, sein Gesicht, eine Schlange, der höllenartige Schacht, der Sturm, die Mutter und vieles mehr. Zeitgleich mit dem Verschwinden des Sohnes verlässt auch Montanari die Bühne, um dann mit einer langen weißen Perücke auf dem Kopf zurückzukehren. Ein Symbol des Alters und der Weisheit der Erde. Die Aufführung, zusammengestellt vom Künstler-Quartett, erweist sich voll von solch bildhaften Ausdrücken. Ein Fest für Augen und Ohren. Zu Recht trägt Marco Martinellis Stück den Untertitel "szenisches Gedicht".

   In seiner letzten Illustration skizziert Stefano Ricci die Drachenwurz. Die weiße Calla als Symbol für Unsterblichkeit und zugleich als beliebte Blume für Beerdigungen. Ein offenes Ende?

"Aber vor allem, gib nicht auf, verliere nie die Hoffnung", ist die letzte Botschaft, die Martinellis Text überliefert. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
 


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