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"Ohne Schauspieler bin ich eine Null!"



Aurora-Interview mit der rumänischen Theaterregisseurin Leta Popescu.

Von Irina Wolf
(08. 04. 2021)

...



(c) Ioana Ofelia
(c) Ioana Ofelia

Leta Popescu
popescu.leta [at] gmail.com

Leta Popescu hat bis-
lang an staatlichen Häusern
ebenso wie in der unabhän-
gigen Szene inszeniert. Ihre
Schwerpunkte bilden die zeit-
genössische rumänische
Prosa (von Florin Lăzărescu,
Bogdan Coşa, Dan Coman)
und ungarische und rumäni-
sche Lyrik.

Typisch für sie ist das
Bestreben, unterschiedliche
Kunstformen zu vereinen.
Gerne arbeitet sie auch mit
lokalen Künstlern zuammen,
um gemeinsame Projekte
zu realisieren. Bei der Erar-
beitung eines neuen Stücks
greift Popescu gewöhnlich
auf die Unterstützung der
Urheber zurück – zuletzt
waren das unter anderem
Dramatikerinnen wie Alexa
Băcanu, Elise Wilk und
Maria Manolescu Borşa.

In den letzten zwei Jahren
hat sie das Regieprojekt
"Collage" realisiert, das drei
Produktionen umfasst: "(In)
visible" am Ungarischen
Staatstheater Klausenburg,
"(In)credible" am Nationalthea-
ter Temeswar und "(In)correct"
am Kreations- und Versuchs-
reaktor Klausenburg.

Während der Recherche für
ihre Doktorarbeit ("Funktio-
nen und Störungen des
Repertoiretheaters. Einflüsse
auf die Repertoirebildung in
Rumänien 2010 – 2020")
startete Popescu in der Zeit-
schrift Scena.ro die Rubrik
"Standpunkte im rumänischen
Theater", die aus einem
Briefwechsel zwischen
Theaterkünstlern besteht.

 Homepage
https://letapopescu.ro

 

 

 

 

 

 

Da ich zeitgenössische
Texte bevorzuge und das
persönliche Leben meine
Inszenierungen oft prägt,
habe ich mich für Lyrik
entschieden, aber auch
– um ehrlich zu sein –,
weil ich in einen Dichter
verliebt war. Nun, dieser
Dichter war aber nicht
in mich verliebt, und das
war faszinierend und
schmerzhaft.

 

 

 

 

 

 

 
(c) Doru Vatavului

 
(c) Doru Vatavului

"(In)correct"

 

 

 

 

Das Collage-Projekt
begann mit "(In)visible",
einer Inszenierung in
sieben Folgen über Ver-
wundbarkeit. Ich erinnere
mich, dass an dem Abend
die Idee vom Sichtbaren
und Unsichtbaren in mir
erwachte. Gleichzeitig
überkam mich der gewal-
tige Wunsch, das Verbor-
gene zu untersuchen. Alle
drei Produktionen verkün-
den im Titel, dass es um
Doppeldeutigkeiten geht:
sichtbar-unsichtbar, glaub-
würdig-unglaubwürdig,
richtig-falsch. Ich beab-
sichtigte keine Antworten
zu geben, nicht der Be-
scheidenheit wegen, son-
dern weil ich keine
Antworten habe.

 

 

 

 

 


(c) Bogdan Botas


(c) Bogdan Botas

"(In)visible"
 

 

 

 

 

Der Bühnenbildner möge
mir verzeihen, aber die
Schauspieler sind die krea-
tivsten Hauptpartner des
Regisseurs. Nicht weil das
Bühnenbild unwichtig
wäre, sondern weil es
nicht lebendig ist. Letzt-
endlich ist das Theater
abhängig von den
Schauspielern.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Pandemie ist noch
immer da. Vielleicht wer-
den wir in drei Jahren
feststellen können, wie
sie unseren Werdegang
beeinflusst hat. Aus mei-
ner Sicht ist derzeit der
Konservierungsinstinkt
sehr prägnant. Von diesem
ausgehend möchte ich
Theater machen, um die
klassische, analoge, Form
dieser Kunst zu vertei-
digen. Es war sehr schwie-
rig für mich, für das Online-
Medium zu arbeiten.

Irina Wolf: Sie widmen sich hauptsächlich zeitgenössischen Stücken. Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Leta Popescu: Kurz gesagt, ich habe Angst vor den Klassikern. Sie überwältigen mich. Ich bevorzuge die zeitgenössischen Dramatiker, weil wir die Bewegungen der heutigen Welt gemeinsam aufspüren. Ich lebe in der Gegenwart und blicke in die Zukunft; ich spüre keine Nostalgie und denke, dass sich die Geschichte wiederholt. Ich habe es vorgezogen, Produktionen mit Autoren "zusammen zu schreiben", anstatt "umzuschreiben". Aber ich werde mich bald dieser "Umschreibung" der Klassiker widmen, weil ich mich auch in die menschliche Finsternis meiner Vorgänger zu vertiefen vermag. Derzeit betrachte ich die Klassiker mit Respekt, Faszination und Angst. Aber sind das nicht die nötigen Zutaten, die ich für meine Arbeit brauche? Da kommt noch Freundschaft hinzu. Gleichzeitig fällt mir immer wieder Folgendes ein: Kann meine Generation nicht einen Klassiker ins Leben rufen, einen Dramatiker, der der Grundregel entspricht? Sind wir nicht dafür verantwortlich, einen Kontext zu schaffen, damit dieser Autor aufkommen kann?

Irina Wolf: Warum haben Sie sich Zwei-Jahres-Projekte vorgenommen?

Leta Popescu: Rigorosität ist eine große Hilfe. Mein erstes zweijähriges Projekt im Rahmen meiner Masterarbeit war "Von der Prosa zur Inszenierung". Während dieser Zeitspanne habe ich zeitgenössische rumänische Prosa dramatisiert. Es sind drei Produktionen entstanden. Es schien mir selbstverständlich, auf diese Weise über Projekte nachzudenken. Es wurde zur Gewohnheit, denn so erreichte man damals die Zulassung zum Masterstudium in Klausenburg. Das Regieprojekt "Collage" entstand aus dem Wunsch, eine Kohärenz zur Vertiefung in ein Thema herzustellen, aber auch aus der Neigung, einem gewissen Weg zu folgen. "Von der Prosa zur Inszenierung" ist ein "offenes Projekt", das heißt, ich könnte immer wieder zu Dramatisierungen zurückkehren. "Collage" ist ein abgeschlossenes Projekt. Es war eine Trilogie. Ich mache keine In-Produktionen mehr, aber etwas von diesem Collage-Weg ist in mir zurückgeblieben.

Irina Wolf: Was davon haben Sie behalten?

Leta Popescu: Etwas Wesentliches: das Ineinanderfließen der Ebenen. Das fasziniert mich. Die Welt scheint mir auf vielen Ebenen zu funktionieren. Die Gefühle sind gemischt, nichts wird mit einer einzigen Absicht gesagt oder getan: Hinter Güte steht Perversität, hinter Perversität vielleicht Misstrauen, hinter Würde Eitelkeit und so weiter. Das sind Binsenweisheiten. All diese Ebenen und Paradoxa zusammenzustellen – nicht um die Wahrheit zu finden, sondern um eine multiple Semantik der Welt zu schaffen – das ist einer der Gründe, warum ich diesen Beruf ausübe.

Irina Wolf: Wie haben Sie das Projekt "Collage" entwickelt? Wie wählen Sie Ihre Themen aus?

Leta Popescu: Nachdem ich Prosa dramatisiert hatte, kam mir der Gedanke, Lyrik als Drama aufzuarbeiten. Darum geht es in "(In)visible", im ersten Teil der Trilogie. Da ich zeitgenössische Texte bevorzuge und das persönliche Leben meine Inszenierungen oft prägt, habe ich mich für Lyrik entschieden, aber auch – um ehrlich zu sein , weil ich in einen Dichter verliebt war. Nun, dieser Dichter war aber nicht in mich verliebt, und das war faszinierend und schmerzhaft. Damals schien es mir, dass er eine "Verwundbarkeit des Selbstbewusstseins" ausstrahlte. Diesen Gedanken habe ich auf ein Stück Papier notiert in der Nacht, als mir endlich das Thema, das ich dem Ungarischen Staatstheater Klausenburg vorschlagen wollte, "einfiel". Das geschah in einem Hotelzimmer in Temeswar. Ich befand mich dort, um für Ada Lupu (Anm. d. Ü. Ada Lupu-Hausvater ist Direktorin des Nationaltheaters Temeswar) an der Produktion "(In)credible" zu arbeiten. Darin geht es um das Versagen in der Liebe. Einer meiner Freunde sagt: "Bei dir dreht sich alles um die Liebe."

Das Collage-Projekt begann also mit "(In)visible", einer Inszenierung in sieben Folgen über Verwundbarkeit. Ich erinnere mich, dass an dem Abend die Idee vom Sichtbaren und Unsichtbaren in mir erwachte. Gleichzeitig überkam mich der gewaltige Wunsch, das Verborgene zu untersuchen. Alle drei Produktionen verkünden im Titel, dass es um Doppeldeutigkeiten geht: sichtbar-unsichtbar, glaubwürdig-unglaubwürdig, richtig-falsch. Ich beabsichtigte keine Antworten zu geben, nicht der Bescheidenheit wegen, sondern weil ich keine Antworten habe.

Irina Wolf: Handeln Ihre Inszenierungen über Ihr Leben?

Leta Popescu: Nein, meine Inszenierungen sind nicht über mein Leben. Die künstlerische und die persönliche Ebene ist bei vielen Künstlern miteinander verknüpft, das ist nichts Neues. Eigentlich hatte ich immer ein unauffälliges Leben. Ich bin eine konventionelle, manchmal konservative Frau – jedoch nicht im Geist. Ich finde, dass die Gedanken unsere einzigen Freiheitsräume darstellen. In meinem Fall bringt eine Mischung widersprüchlicher Empfindungen in meiner Denkweise die Projekte und Inszenierungen hervor.

Irina Wolf: Abgesehen von Empfindungen, was sind Ihre Inspirationsquellen? Welche Musik hören Sie, welche Bücher lesen Sie, welche Maler, Schriftsteller, künstlerischen Strömungen inspirieren Sie und warum?

Leta Popescu: Paradoxa inspirieren mich. Beträchtlich. Die Absurdität der Realität. Die Qual, das Verborgene, das Fiktive. Ich bin eine aufmerksame Beobachterin – das ist wahrscheinlich meine Hauptinspirationsquelle. Bücher und Filme ergänzen mich; ich weiß nicht, ob sie mich "inspirieren". Das Leben inspiriert mich. Die anderen Künste geben mir Mut, mich inspirieren zu lassen, wenn Sie so wollen. Ich höre nur sehr selten Musik. Ich habe es versucht, kann es aber nicht. Ich bevorzuge die Stille, auch wenn ich durchgehend sieben Stunden lang von Bukarest nach Klausenburg Auto fahren muss. Wenn ich Musik höre, dann Klavier ohne Unterbrechung. Es ist ein Instrument, das auf möglichst konkrete und bedrückende Weise an meiner Seele hängen bleibt.

Hingegen verbindet mich eine besondere Beziehung mit der bildenden Kunst. Diese inspiriert mich zweifellos. Von ihr ausgehend gebe ich mir selbst Hausaufgaben oder nehme Bilder mit. Die bildende Kunst ist für mich Arbeitsmaterial. Den Kubismus zum Beispiel konnte ich nicht so sehr liebgewinnen wie den deutschen Expressionismus. Trotzdem hat der Kubismus meine Denkweise über die Bühne stark beeinflusst. Ich habe sogar versucht, die Prinzipien dieser Kunstströmung in meine Proben zu übernehmen. Was bedeutet zum Beispiel Mehrfachperspektive? Das kann sich in der Dramaturgie, im Agieren des Schauspielers, in der Beziehung zum Publikum und in der Bühnenumsetzung widerspiegeln. Bot ein kubistisches Gemälde eine Erforschungsmöglichkeit, die nach der realistischen Malerei kam, was würde dann "reines Theater" heute bedeuten? Wenn man bei der Betrachtung eines kubistischen Werks den Genuss einer Entdeckung fühlt, könnte dann nicht auch die Regiekunst zum Publikumsgenuss jenseits der Aufführung oder der Geschichte beitragen?

Irina Wolf: Bleiben wir bei der bildenden Kunst. Sie haben auch ein Regielabor zum Thema "Umsetzung der Realität durch szenischen Kubismus in Werken mit kleiner Besetzung für ein beschränktes Publikum" geleitet. Woraus bestand dieses Labor? Wer waren die Teilnehmer?

Leta Popescu: Das Labor fand mit den Schauspielern, mit denen ich sehr gut zusammenarbeite, statt: mit Emőke Pál, einer ungarischen Schauspielerin (wir sind hundertprozentig kompatibel), mit Doru Taloş, Oana Mardare und Alexandra Caras (mit ihnen arbeite ich seit sieben Jahren zusammen; mit Alexandra sogar seit zehn Jahren, denn wir haben gemeinsam studiert). Es gibt Menschen, die mir vertrauen. Das ist alles, was ich von den Schauspielern brauche. Wenn sie mir misstrauen, ist der Spaß vorbei. In Bukarest habe ich mit George Albert Costea vor ungefähr sechs Jahren "Open", eine Ein-Mann-Performance, gemacht. Auch mit ihm stimmt die künstlerische und intellektuelle Chemie. Neuerlich versuche ich mich Denisa Nicolae anzunähern. Sie leitet die Theatergruppe Vanner Collective und hat mich eingeladen, einen Text für die Bühne umzusetzen. Während des Labors gab es einen regen Ideenaustausch dazu.

Kurz gesagt, wir haben Bewegungsmodule und Bilder erforscht, die zu mehreren Geschichten dazupassen. Die Schlüsselwörter waren "multiple Semantik", "multiple Perspektive". Wir haben Texte über Glück geschrieben. Das hat sich während der Pandemiekrise abgespielt. Wir wollten unbedingt an Kontrasten arbeiten und versuchten nach kubistischen Prinzipien zu inszenieren. Wir haben es sogar ausprobiert, "Hamlet" auf diese Weise zu machen – das sprach mich an. Es gab keine Vertiefung in die Materie, nur Tests im Kreations- und Versuchsreaktor Klausenburg. Das ist eine Spielstätte, die die Möglichkeit für solche Experimente bietet, und das ist großartig.

Irina Wolf: Wie setzen Sie "Empfindungen" bzw. "Ideen" auf der Bühne um?

Leta Popescu: Ich werde zurückgreifen und etwas über Schauspieler sagen. Der Bühnenbildner möge mir verzeihen, aber die Schauspieler sind die kreativsten Hauptpartner des Regisseurs. Nicht weil das Bühnenbild unwichtig wäre, sondern weil es nicht lebendig ist. Letztendlich ist das Theater abhängig von den Schauspielern. Das Universum des Regisseurs oder besser gesagt, mein Universum – wir wollen nicht verallgemeinern – ist der Ausgangspunkt einer Arbeit. Ich bin nicht die offenste Person für Debatten, ich frage die Schauspieler nicht, wie sie die Umsetzung durchführen wollen usw. Ich glaube sehr stark an die Regiekunst, führe Regiebücher, habe Regeln, Suchstrategien, Theorien. Trotzdem bin ich ohne Schauspieler eine Null. Im Grunde beschränkt sich alles darauf, die Schauspieler zu erobern. Zumindest um die Atmosphäre, die ich mir für eine Inszenierung wünsche, zu erreichen.

Irina Wolf: 2020 war ein äußerst schwieriges Jahr für alle, vor allem aber für die Kulturszene. Wie hat die durch die Pandemie verursachte Krise das rumänische Theater Ihrer Meinung nach beeinflusst? Wie hat Sie diese außergewöhnliche Situation verändert, als Künstlerin und als Mensch?

Leta Popescu: Es ist noch zu früh, um darüber zu sprechen, was sich geändert hat. Wir werden das viel später zu spüren bekommen. Die Pandemie ist noch immer da. Vielleicht werden wir in drei Jahren feststellen können, wie sie unseren Werdegang beeinflusst hat. Aus meiner Sicht ist derzeit der Konservierungsinstinkt sehr prägnant. Von diesem ausgehend möchte ich Theater machen, um die klassische, analoge, Form dieser Kunst zu verteidigen. Es war sehr schwierig für mich, für das Online-Medium zu arbeiten. Dafür habe ich "Eingesperrt" von Maria Manolescu Borşa bei Replika (Anm. d. Ü. Replika ist eine Spielstätte der unabhängigen Szene in Bukarest) inszeniert. Es ist eine gefilmte Performance, die auf der Maske in der Theaterkunst basiert.

Irina Wolf: Was ist Ihr nächstes Projekt?

Leta Popescu: Ich arbeite gerade an einer komplexen Inszenierung. Sie heißt "Raus aus der Sonne". Es ist die Geschichte des Kreations- und Versuchsreaktors Klausenburg, der den Regisseur Alexandru Dabija eingeladen hatte, etwas für die Bühne umzusetzen. Aus verschiedenen Gründen konnte Dabija nicht mehr den Auftrag entgegennehmen. Die Dramatikerin Alexa Băcanu hat die Geschichte dieses gescheiterten Treffens niedergeschrieben. In diese Erzählung baue ich weitere Ebenen ein, denn, wie gesagt, es ist mir eine Freude, unterschiedliche Ebenen ineinander übergehen zu lassen. Derzeit stecke ich in den Proben und möchte keine weiteren Details verraten. Ich kann es aber kaum erwarten, von Ihnen im Sommer wieder zu hören!
 

(Aus dem Rumänischen von Irina Wolf.)

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