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Die Liebe, die kreisen macht Sonne und Sterne

"Was ist das Paradies? Wer lebt dort? Gibt es Bauern? Pflügen sie die Erde? Wissen
sie, dass ich auch kommen werde?" All diese Fragen und mehr stellt ein in weiß gekleidetes
 Mädchen, das sich im Garten Eden befindet. Tatsächlich handelt es sich um den Volksgarten in
Ravenna, einen zauberhaften Ort, ausgewählt von Ermanna Montanari und Marco Martinelli für
ihre Umsetzung von Dante Alighieris Das Paradies. Mit dem letzten Teil der Göttlichen Komödie
endet die Reise, die das 1983 von Martinelli und Montanari gegründete Teatro delle Albe
2017 mit der Hölle begonnen und 2019 mit dem Fegefeuer fortgesetzt hat.

Von Irina Wolf
(24. 08. 2022)

...



Irina Wolf
irinawolf10 [at] gmail.com

Irina Wolf wurde in
Bukarest geboren. Nach
Abschluss ihres Informatik-
studiums und mehreren
Jobs im Telekommunikations- und Forschungsbereich
wechselte sie 1993 in den
Außenhandelsdienst. Seit
2007 schreibt sie freiberuflich
für mehrere rumänische und
deutschsprachige Kultur-
zeitschriften.


 


(c) Silvia Lelli

 


Jeder Einzelne ist Dante
selbst, der Pilger, welcher
2017 aus den Tiefen des
dunklen Waldes in die
Eingeweide der Erde hinab-
gestiegen ist, der 2019 den
Läuterungsberg bestiegen
hat und der dieses Jahr
im Himmelreich ankom-
men wird.

 


(c) Silvia Lelli

 

Montanaris und Marti-
nellis Paradies ist ein Wan-
dertheater. Papierboote
hängen von den Fenstern
einiger Gebäude.

 


(c) Silvia Lelli

 

Kinder waren immer
schon die großen Prota-
gonisten der Aufführungen
des Teatro delle Albe: In
der Hölle sprach ein Mäd-
chen die Worte von Beatri-
ce, im Fegefeuer beschwor
ein weibliches Teenager-
Quartett Greta Thunberg
herauf.

 



(c) Silvia Lelli


 

"Hier schwand die Kraft
der hohen Phantasie;
Doch schon bewegte Wil-
len und Verlangen Mir,
wie ein gleichbewegtes
Rad, die Liebe, die kreisen
macht die Sonne wie
die Sterne"


 


(c) Silvia Lelli

   Das für 2021 geplante Paradies – im 700. Todesjahr des bedeutendsten italienischen Dichters – musste aufgrund der Pandemie verschoben werden. Doch Glück im Unglück: Mit der diesjährigen 33. Ausgabe des Ravenna-Festivals zum 100. Geburtstag von Pier Paolo Pasolini ergab sich ein ideales Umfeld, um die Verse über den verklärten Körper "zwischen Fleisch und Geist" darzustellen – um Pasolini zu zitieren. Denn Martinelli und Montanari fügen Pasolinis "Transhumanismus" (trasumanar) in Dantes Meisterwerk ein.

Ursprung der Pilgerfahrt zum Himmelreich

   Pasolinis Worte geben nur eine jener zahlreichen Neuerungen wieder, die die Arbeit der beiden Künstler aus Ravenna prägen. Die Fragen etwa, die das Mädchen stellt, gehören Emily Dickinson, eine von Ermanna Montanari bestaunte Dichterin. Hinzu kommen noch Bezüge zu zeitgenössischen Tragödien, Strophen zum Gedenken an große Künstler wie dem Architekten Francesco Borromini, und Verse des deutschen Dichters Angelus Silesius.

Die Anpassung von Dantes Werk an die gesellschaftspolitische Aktualität ist nur eines der Merkmale der von Martinelli und Montanari konzipierten Trilogie. Ein weiterer Aspekt ist die Rolle des Zuschauers. Jeder Einzelne ist Dante selbst, der Pilger, welcher 2017 aus den Tiefen des dunklen Waldes in die Eingeweide der Erde hinabgestiegen ist, der 2019 den Läuterungsberg bestiegen hat und der dieses Jahr im Himmelreich ankommen wird. Ausgehend von der Idee des amerikanischen Dichters Ezra Pound, wonach Dante ein "Jedermann" ist, sind wir eingeladen, uns mit den neun aufeinanderfolgenden Sphären, die die Erde umgeben, zu identifizieren. Dazu gehören die sieben klassischen Planeten – Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter, Saturn –, zusammen mit dem Fixstern- und dem Kristallhimmel. Schließlich können wir dann das Empyreum betreten, die Wohnstätte Gottes.

   Eine weitere Besonderheit der Trilogie ist die Beteiligung der Bürger. Ähnlich der Hölle und dem Fegefeuer ist Montanaris und Martinellis Paradies aus einem "öffentlichen Aufruf" hervorgegangen, dem sechshundert (!) Bewohner der Stadt und der Region Ravenna gefolgt sind – ein Drittel davon nimmt an einer Aufführung teil. Eine verblüffende Leistung, wenn man bedenkt, dass die Proben während der Pandemie stattgefunden haben. Als begeisterter Verehrer von Wladimir Majakowskis "Massentheater" baut Marco Martinelli die Inszenierung auf der Idee eines mittelalterlichen Spektakels auf. Es entsteht ein soziales, partizipatives, engagiertes Theater. Dantes Text wird nicht nur auf der Bühne, sondern im Leben umgesetzt.

Wie also sieht das Paradies nun wirklich aus? Gewohntermaßen versammeln sich Hunderte von Menschen jeden Alters bei Sonnenuntergang vor Dantes Gedenkstätte in der Innenstadt. Einige halten eine Weizenähre in der Hand. Der von Ermanna Montanari aufgesagte erste Gesang wird vom Bürgerchor wiederholt. Nach diesem Prolog beginnt die Prozession durch die Straßen von Ravenna. Montanaris und Martinellis Paradies ist ein Wandertheater. Papierboote hängen von den Fenstern einiger Gebäude. Vor diesen machen wir Halt, um weiteren Gesängen von Dantes Werk zuzuhören, die von Jugendlichen vorgetragen werden. Mit einem Megafon fordert Martinelli uns alle auf, Verse aus der Göttlichen Komödie zu rezitieren. Schlussendlich hält die Prozession vor dem Tor des Volksgartens.

"Drei Kreise, an Farben dreifach, doch nur eines Umfangs"

   Mit diesen Worten aus dem letzten Gesang, die jedem Zuschauer zugeflüstert werden, gewähren uns die beiden Künstler Zugang zum Garten. Gleichzeitig "zeichnen" sie drei Kreise in die Luft. Insgesamt 150 Zuschauer nehmen auf dem großen Platz vor der prächtigen Lombardischen Loggia Platz. Dort oben in den fünf Nischen befinden sich fünf weiße Statuen. Allmählich stellen wir fest, dass es sich tatsächlich um fünf symbolische Figuren aus Dantes Paradies handelt, die von Künstlern des Teatro delle Albe verkörpert werden: Piccarda Donati, Kaiser Justinian – seine Worte verschmelzen mit der Rede aus dem 21. Jahrhundert von Papst Franziskus über das Streben nach Gerechtigkeit, über das Denken und Handeln als friedliche Gemeinschaft, Cunizza da Romana – eine Frau, deren Leben Gegenstand vieler Gerüchte war, Peter Damian und der Heilige Petrus. In ihrer Ansprache über Glauben und Dreifaltigkeit wechseln sich Dantes Verse mit Gilbert Keith Chestertons Worten ab.

Zuerst aber bewundern wir das zugleich schlichte und doch raffiniert gestaltete "Bühnenbild": Zu beiden Seiten der Zuschauertribüne steht der Bürgerchor. Vor uns queren Mädchen und Burschen auf Fahrrädern den Garten. Sie sind auch diejenigen, die die Soldaten (aus der Marssphäre) vertreiben werden, nachdem diese zuvor ihre Maschinengewehre auf Dantes Vorfahren Cacciaguida und auf uns, das Publikum, gerichtet haben. Denn im Himmelreich ist für Krieg kein Platz. Ein Zeichen der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Besonders bewegend sind die Momente, in denen ein Mädchen Cacciaguida (und vor ihm den Heiligen Franziskus von Assisi, der von Thomas von Aquin heraufbeschworen wurde) an der Hand vom Boden aufhebt. Kinder waren immer schon die großen Protagonisten der Aufführungen des Teatro delle Albe: In der Hölle sprach ein Mädchen die Worte von Beatrice, im Fegefeuer beschwor ein weibliches Teenager-Quartett Greta Thunberg herauf.

   Nicht zuletzt tragen die von den Studenten der Akademie der Schönen Künste in Brera entworfenen Kostüme sowie die mitreißende (astrale) Musik von Luigi Ceccarelli maßgeblich zum Erfolg der Aufführung bei. Die magische Atmosphäre des Abends wird durch das Orchester im Erdgeschoss der Loggia zusätzlich verdichtet. Mit ihrer charismatisch klaren Stimme markiert die Sängerin Mirella Mastronardi den spirituellen Aufstieg des verlorenen Mannes. Ein Aufruf zur Harmonie der himmlischen Sphären, wo Licht und Ton ein Ganzes bilden. Dante, und mit ihm jeder von uns, betritt die Rotation des Universums, symbolisch dargestellt von Ermanna Montanari durch einen kurzen Sufi-Tanz.

Nachdem wir auch einen Teil von Gott "gekostet" haben – Brotstücke werden behutsam unter den Zuschauern verteilt, folgt der Schlussgesang. Geleitet von seiner geliebten Beatrice – gegen Ende des Stücks ersetzt vom Heiligen Bernhard – erreicht der Reisende sein Ziel. Nur kann er uns dieses nicht mehr beschreiben: "Hier schwand die Kraft der hohen Phantasie; Doch schon bewegte Willen und Verlangen Mir, wie ein gleichbewegtes Rad, die Liebe, die kreisen macht die Sonne wie die Sterne". Martinelli, der sich in letzter Zeit mit Architektur befasst, erzählt nun die Geschichte der stürmischen Beziehung zwischen Gian Lorenzo Bernini und Francesco Borromini. Dabei hebt er hervor, wie Letzterer diejenigen, die seine Kirchen betraten, dazu brachte, sich in einen besonderen Zustand der Kontemplation zu versetzen. Demzufolge sind wir eingeladen, uns auf den Boden "auf Borrominis Mantel" zu legen, um dem von Ermanna Montanari rezitierten 33. Gesang zuzuhören, während wir auf den Himmel und die Sterne blicken.

   Nach dem Drama der Hölle voller düsterer Farben, das vor allem im Inneren des Rasi-Theaters – dem historischen Hauptsitz des Teatro delle Albe – stattfand, nach der akademischen Art des Fegefeuers, in der Hoffnungserwartungen auf eine Welt in Harmonie mit Mutter Erde geweckt wurden, haben wir nun das lyrische Paradies erreicht. Lichterspiel, poetische Stimmungen, Musikalität spielen hier eine wichtige Rolle. Vor allem aber das Licht (Light Design: Fabio Sajiz).

Wie gewohnt hat das Teatro delle Albe ein verführerisches Erlebnis mit einer großen Ladung Authentizität und Emotion geboten. Eine originelle Schönheitslehre von visueller und akustischer Harmonie. Im Mittelpunkt dieser monumentalen Neuproduktion des Ravenna Festival / Teatro Alighieri, in Zusammenarbeit mit dem Teatro delle Albe / Ravenna Teatro und mit dem außergewöhnlichen Beitrag der Gemeinde Ravenna steht das Wort "Freude", denn das Himmelreich ist ein Lied der Freude: Das ultimative Gefühl der Erfüllung, dass wir unsere Individualität abgelegt haben und Teil einer spirituellen Gemeinschaft geworden sind.

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