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Nashörner, Giraffen und ein Bär namens Judy Garland

Nur dreieinhalb Stunden Zugfahrt von Bukarest entfernt liegt Sankt Georgen
(rumänisch Sfântu Gheorghe, ungarisch Sepsiszentgyörgy). In der ältesten Stadt
des Szeklerlandes wird hauptsächlich Ungarisch gesprochen. Von 50.000 Einwohnern
sind nur knapp zwanzig Prozent Rumänen. Dennoch genießt die kleine Ortschaft das
seltene Privileg, sich zweier Theater rühmen zu können: dem ungarischsprachigen
"Tamási Áron" (TASZ) und dem nur fünf Minuten entfernten rumänischsprachigen
"Andrei Mureşanu" (TAM). Umso bemerkenswerter ist es, dass Anna Maria
Popa, Intendantin von TAM, die dritte Ausgabe des "SEPSI
Theatre Showcase" organisierte.

Von Irina Wolf
(24. 04. 2026)

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   Vom 23. bis 30. März wurden acht formal und thematisch verschiedenartige Produktionen aus dem aktuellen Repertoire beider Theater mit Übertiteln in zwei Sprachen in den Vordergrund gestellt. Die abwechselnde Programmgestaltung an einem Abend im rumänischen und am nächsten im ungarischen Theater ermöglichte den zahlreichen ausländischen Gästen, ein umfassendes kulturelles Bild der Stadt und der Region zu gewinnen.

Zweimal Radu Afrim

   Der letzte Sommer des Friedens passt perfekt in unsere von Hass, Populismus und Krieg geprägte Welt. Ausgangsidee der TAM-Produktion war die im November 2024 umstrittene rumänische Präsidentschaftswahl. Die jungen Menschen in Radu Afrims Inszenierung (der auch für Text und Sound-Design verantwortlich zeichnet) werden von Ängsten um den Wahlausgang und die Zukunft Europas geplagt. In der Abgeschiedenheit eines Waldes erinnern sie sich an die Vergangenheit und versuchen zu verstehen, welche Bedeutung Freundschaft in einer zunehmend polarisierten Welt noch hat. In Rumänien für seine poetischen Arbeiten beliebt, zeichnet Afrim das Bild einer Generation, die zwischen zerbrochenen Idealen und einem tiefen Bedürfnis nach Menschlichem gefangen ist. Ein kleines, erhöhtes Holzpodest; einziges Möbel: ein Sofa. Im Hintergrund eine Waldlichtung (Bühnenbild: Irina Moscu). Voll Tempo und Körperlichkeit zeigt sich die bis ins Detail durchdachte Inszenierung. Das Spiel der jungen, fest zusammengewachsenen TAM-Theatergruppe nimmt den Zuschauer auf eine wilde Reise durch die Gegenwart mit.

Ganz anders Radu Afrims Werk bei TASZ. Gemeinschaft. Eine Szekler Öko-Romanze erzählt vom Musiker Huba, der allein in einem großen Haus mitten im Wald lebt. Seine geliebte Tante ist vor langer Zeit gestorben; die im letzten Winter erfrorenen Hühner sind still. Huba schmiert seine rheumatischen Finger mit allerlei Cremes ein und starrt während der schlaflosen Nächte oft an die Decke. Sein Herz lässt es nicht zu, dass er die Villa, die er nicht mehr unterhalten kann, verkauft. Deshalb vermietet er mehrere Zimmer an alle möglichen Gestalten, manche skurriler als andere. Nach einigen bizarren Ereignissen – die Seele der verstorbenen Tante geistert ab und zu durch die Räumlichkeiten – entsteht im Haus eine Gemeinschaft. Und genau dann taucht eine Frau auf, die das Haus abreißen lassen will, um stattdessen ein Einkaufszentrum zu bauen. Alle Mieter und der Besitzer würden auf der Straße landen. Mit viel Gefühl und Humor thematisiert Radu Afrim verschiedene für die Szeklerregion typische Probleme, unter anderem Armut und Bärenproblematik.

Ungarische Theater- und Tanzabende

   Eine Koproduktion des TASZ mit dem Figura Stúdió aus Gheorgheni – einer Stadt im Osten Siebenbürgens – brachte Eugène Ionescos berühmtes Stück Die Nashörner auf die Bühne. Regisseur László Bocsárdi platziert das Geschehen auf einem Laufsteg, auf dessen beiden Seiten die Zuschauer sitzen. Der Abend ist wie ein Fiebertraum. Mit Worten geht man eher sparsam um. Dafür sind die surrealen Bilder, das beeindruckende Licht- und Schattenspiel und die dauerhaft düstere Tonkulisse umso wirkungsvoller, wenn es darum geht, eine Atmosphäre der Angst zu erzeugen. Die Produktion bezieht ihre Kraft vor allem aus dem Einsatz der Schauspieler – sechs aus Gheorgheni und acht aus Sankt Georgen. In präziser Zusammenarbeit wird die latente Gefahr der Entmenschlichung vorgeführt. Nicht umsonst wurden der Protagonist Behringer und sein Kollege Hans für die diesjährigen UNITER-Preise nominiert.

Außer dem ungarischen Sprechtheater gibt es in Sankt Georgen noch zwei Tanzgruppen sowie ein Puppentheater. Als außergewöhnlich erwies sich die Tanzvorstellung Dirty Dancing. Es ist die erste Zusammenarbeit des polnischen Choreografen Eryk Makohon mit dem M-Studio, einer Sektion von TASZ, die 2005 als "experimentelle Bewegungstheaterwerkstatt" ins Leben gerufen wurde. Trotz des offensichtlichen Bezugs zum Titel des Filmklassikers von 1987 ist die Performance keine Neuinterpretation. Vielmehr ist sie eine eigenständige und radikale Auseinandersetzung mit dem Tanzkonzept als Metapher für (soziale) Grenzüberschreitungen, indem das politische Potenzial peinlicher Darbietungen als Strategie des Widerstands gegen gesellschaftliche Normen und Zwänge erforscht wird. Der kurzweilige Abend besticht durch klug ausgewählte Musik und eine mitreißende Choreografie, nicht zuletzt durch den brillanten Auftritt des Tanzquartetts. Letztendlich brachte die Volkstanzgruppe Háromszék mit Sonnenuntergang eine Hommage an mehrere ihrer verstorbenen Mitglieder.

Höhepunkte in der Tabakfabrik

   Neben den zwei Theaterhäusern verfügt Sankt Georgen noch über die riesigen Hallen der 2010 stillgelegten Zigarettenfabrik, die sich zu einem regelrechten Kulturzentrum entwickelt hat. Im ersten Stock konnte man gleich zwei Ausstellungen besuchen: Zum einen eine über Modelleisenbahnen zum Gedenken an Szeles József (Dodi), einem international bekannten Eisenbahnrestaurator und -modellbauer, zum anderen "Gustav Klimt und die Künstler-Compagnie in Peleș". Die auf Initiative des Österreichischen Kulturforums realisierte und von Dr. Antonela Corban kuratierte Ausstellung bot einen Einblick in das künstlerische Schaffen des berühmten österreichischen Malers und präsentierte in großformatigen Abbildungen die Werke, die im Schloss Peleș – der ehemaligen Sommerresidenz der Könige von Rumänien in Sinaia bei Kronstadt – von Gustav Klimt, zusammen mit seinen Mitarbeitern Ernst Klimt und Franz Matsch gemalt wurden. Einen Stock höher enthüllte das immersive Installationsprojekt der Architektin Rab Sarolta "Tief im Wald" mittels abstrakter Zeichnungen, Baumstammteilen und künstlicher Intelligenz einen überraschenden Dialog zwischen Natur- und Kulturlandschaft.

Traurig und fröhlich ist das Giraffenleben war mein absolutes Highlight des Showcases. Tiago Rodrigues erzählt in seinem Stück die Geschichte eines neun Jahre alten Mädchens, das zu groß für sein Alter ist und deshalb von seiner Mutter "Giraffe" genannt wird. Zusammen mit ihrem (leicht suizidalen) Teddybären Judy Garland versucht sie in einer Großstadt einen Menschen zu finden, der es ihnen ermöglichen kann, eine Bank auszurauben. Denn Giraffe braucht Geld für den Discovery Channel, Geld, das ihr arbeitsloser Vater nicht hat. So streifen die beiden auf ihrer Suche durch die Straßen einer Stadt, in der die Wirtschaftskrise herrscht, in der Gefahren lauern und seltsame Gestalten unterwegs sind. Sie treffen einen schwarzen Panther (der sie vor Pädophilen warnt), einen desillusionierten Bankangestellten und schließlich den russischen Schriftsteller Anton Tschechow (Judy Garlands großes Vorbild!). Nicholas Cațianis gibt mit der Inszenierung von Tiago Rodrigues' kraftvollem und poetischem Text sein Debüt als Regisseur. Cațianis' Fokus (er selbst ist Schauspieler) liegt auf intensiver Probenarbeit und detaillierter Ausarbeitung der schauspielerischen Leistung. Die vier in schlichten grauen Hosen und braunen T-Shirts gleich angezogenen Schauspieler, die eine gewaltige Menge an Text zu bewältigen haben, bewegen sich des Öfteren wie Charaktere aus Videospielen. Geschickt hebt der Regisseur die Geschichte durch Animationen hervor, die auf zwei riesigen Bildschirmen, die die Bühne flankieren, gezeigt werden. Gut einstudierte Choreografie, das reizende weiße Kostüm des Teddybären Judy Garland und ein harmonisch abgestimmtes Ensemble sind weitere Merkmale dieser bemerkenswerten Inszenierung.

   Darüber hinaus umfasste das Festivalprogramm tägliche, äußerst interessante Publikumsgespräche, die den direkten Austausch zwischen Theaterschaffenden und Zuschauern förderten. Durch die Vielfalt der künstlerischen Angebote und die Nutzung verschiedener Kulturräume trug das "Sepsi Theatre Showcase" dazu bei, das kulturelle Profil von Sankt Georgen zu schärfen und den regionalen künstlerischen Dialog bereichern.
 


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