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Flüstern aus dem Schatten

 "Lasst uns die Erinnerung an das Theater bewahren." Tiago Rodrigues' Worte, die er
anlässlich der Aufführung seines Stücks Sopro 2019 bei den Wiener Festwochen sagte,
prägten sich mir gut ein. Da war er erst seit fünf Jahren Direktor des Lissaboner National-
theaters Dona Maria II. Als junger Regisseur hatte er viele Änderungen in der "alten" Institution
vor. Doch dann entdeckte er Christina Vidal, die Souffleuse, die seit neununddreißig Jahren
am Nationaltheater tätig war, und widmete ihr das Stück Sopro – ein portugiesisches
Wort, das "Hauch" oder das Blasen des Windes bedeutet.

Von Irina Wolf
(03. 02. 2026)

...



Irina Wolf
irinawolf10 [at] gmail.com

Irina Wolf wurde in
Bukarest geboren. Nach
Abschluss ihres Informatik-
studiums und mehreren
Jobs im Telekommunikations- und Forschungsbereich
wechselte sie 1993 in den
Außenhandelsdienst. Seit
2007 schreibt sie freiberuflich
für mehrere rumänische und
deutschsprachige Kultur-
zeitschriften.




(c) Czinzel Laszlo

"Sopro"
(Regie:
László Bocsárdi)

   Rodrigues' Inszenierung, die Christina Vidal selbst auf die Bühne brachte, war äußerst bewegend und lieferte eine liebevolle Hommage an das Theater, an seine Kraft und die Sehnsucht danach. Kein Wunder, dass Tiago Rodrigues' Stück inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt wurde, unter anderem auch ins Ungarische. So brachte die Harag-György-Gruppe des Nordtheaters in Sathmar (Satu Mare), der Großstadt im Nordwesten Rumäniens, nahe der Grenze zu Ungarn, Sopro / Flüstern aus dem Schatten als erste Premiere in der Spielzeit 2025/26 auf die Bühne. Ein mutiges Unterfangen, denn der Text richtet sich an ein sachkundiges Publikum, dem Theatercharaktere aus Stücken wie Tschechows Drei Schwestern, Sophokles' Antigone oder Racines Bérénice bekannt sein sollten.

Die kurzen Geschichten, in denen die Souffleuse den Schauspielern helfen musste, lassen Szenen von damals zum Leben erwachen: Maschas Schmerz, als Werschinin abreist; der Streit zwischen Antigone und Ismene; Harpagons Paranoia und viele andere. Rodrigues' Humor zeigt sich besonders in der Geschichte der Souffleuse, wie sie von unten, vom traditionellen Souffleurkasten aus, die ausdrucksstarken Nasen und Gesäße der Schauspieler beobachten konnte.

Die Feinfühligkeit des Autors beweist auch die Geschichte der an Krebs erkrankten Intendantin, die eine lebenswichtige Operation verschiebt, weil ihr die nächste Premiere wichtiger ist und durch ihren Tod eine große Lücke im Leben des Theaters hinterlässt. Denn das Drama der Schauspieler überlagert sich mit dem Drama der bekannten Theatercharaktere; das Leben der auf der Bühne verkörperten Figuren verschmilzt mit der Realität. Solche Erzählungen vermischen sich mit der Geschichte der Entstehung des Stückes, mit der Diskussion, in der Direktor Tiago Rodrigues Christina Vidal überredete, in seiner Inszenierung zu spielen.

   Die komplexe Struktur des Stückes, das Ineinanderfließen der Geschichten, stellt die Zuschauer vor eine große Herausforderung. Dennoch bestätigten sich sowohl das Interesse des Publikums an einer derartig anspruchsvollen Produktion als auch die Leistung der großartigen Schauspieler, die erneut ihr Können unter Beweis stellten. Die Art, wie sie sich in immer neue Figuren verwandeln, ohne sich im Mindesten zu verstellen, ist einfach große Klasse. Regisseur László Bocsárdis zweieinhalbstündige Aufführung (ohne Pause!) besticht durch Werktreue, die dem Publikum anhaltende Aufmerksamkeit abverlangt. Auffallend sind die sorgfältig gestalteten Beziehungen zwischen den Figuren, wie zwischen der Souffleuse und dem jungen Kettenraucher, der von unzähligen innovativen Regieideen schwärmt. Die Ausstrahlung der Inszenierung steht und fällt nicht zuletzt mit der Titelrolle – und Schauspielerin Méhes Kati verleiht der Souffleuse Körper und Tiefe. Eine große weißhaarige Frau, ganz in Schwarz gekleidet. Mit einem Textbuch in der Hand verkörpert sie die Figur mit ausgewogener Ruhe und Würde.

Umgestürzte Scheinwerfer und Stühle, große Löcher und willkürlich auf der Bühne verstreute Gegenstände (Bühnenbild: Bartha József) verweisen auf die "Ruinenlandschaft" eines verschwundenen Theaters, das durch Erinnerungen wieder zum Leben erweckt wird. Sichtbare Luken lassen die Schauspieler, Geister der Vergangenheit, auftauchen. Tiago Rodrigues ist besessen von der Welt der Erinnerungen, von dem, was die Geister, die in alten Texten überleben, zu sagen haben. Mit den Ritualen der Erinnerung lehnen sie sich gegen das Verschwinden des Theaters auf. "Wir brauchen einen Ort, wo wir uns den Mysterien widmen können", sagt der junge Regisseur – eine Verkörperung des Autors – in seinem beeindruckenden Monolog. "Wir brauchen diese Stunden, in denen wir unerwartete Verbindungen herstellen zwischen dem, was schon war, auf der Suche nach dem, was noch fehlt. Bis ans Ende der Nacht reisen. Nie die Reihen des tödlichen Konformismus stärken. Und, vor allem, nicht sterben! Niemals sterben!"

   Sopro ist ein Stück für all jene, die nicht nur das Bühnengeschehen, sondern auch das Leben in den Kulissen kennenlernen möchten. Mit fünf Jahren wurde Christina Vidal von ihrer Tante, selbst Souffleuse, zum Theater gebracht. Ihre ersten Gefühle, als sie als kleines Mädchen vom Souffleurkasten aus mit den Fingerspitzen die Bühne berührte, sind unvergesslich. Doch auch die Worte der Intendantin bei ihrer Einstellung haben sie stark geprägt: "Die Diskretion des Souffleurs muss der Indiskretion der Schauspieler angemessen sein."

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