Rodrigues'
Inszenierung, die Christina
Vidal selbst auf die Bühne brachte, war äußerst bewegend und
lieferte eine liebevolle
Hommage an das Theater, an seine Kraft und die Sehnsucht danach.
Kein Wunder,
dass Tiago Rodrigues' Stück inzwischen in mehrere Sprachen
übersetzt
wurde, unter anderem auch ins Ungarische. So brachte die
Harag-György-Gruppe des Nordtheaters in Sathmar (Satu Mare), der Großstadt
im Nordwesten Rumäniens, nahe der Grenze zu Ungarn, Sopro / Flüstern aus
dem Schatten als erste Premiere in der Spielzeit 2025/26 auf die Bühne.
Ein mutiges Unterfangen, denn der Text richtet sich an ein sachkundiges
Publikum, dem Theatercharaktere aus Stücken wie Tschechows Drei
Schwestern, Sophokles' Antigone oder Racines Bérénice
bekannt sein sollten.
Die kurzen Geschichten, in denen die Souffleuse den
Schauspielern helfen musste, lassen Szenen von damals zum Leben erwachen:
Maschas Schmerz, als Werschinin abreist; der Streit zwischen Antigone und
Ismene; Harpagons Paranoia und viele andere. Rodrigues' Humor zeigt sich
besonders in der Geschichte der Souffleuse, wie sie von unten, vom
traditionellen Souffleurkasten aus, die ausdrucksstarken Nasen und Gesäße
der Schauspieler beobachten konnte.
Die Feinfühligkeit des Autors beweist auch die Geschichte
der an Krebs erkrankten Intendantin, die eine lebenswichtige Operation
verschiebt, weil ihr die nächste Premiere wichtiger ist und durch ihren Tod
eine große Lücke im Leben des Theaters hinterlässt. Denn das Drama der
Schauspieler überlagert sich mit dem Drama der bekannten Theatercharaktere;
das Leben der auf der Bühne verkörperten Figuren verschmilzt mit der
Realität. Solche Erzählungen vermischen sich mit der Geschichte der
Entstehung des Stückes, mit der Diskussion, in der Direktor Tiago Rodrigues
Christina Vidal überredete, in seiner Inszenierung zu spielen.
Die komplexe
Struktur des Stückes, das Ineinanderfließen der Geschichten, stellt die
Zuschauer vor eine große Herausforderung. Dennoch bestätigten sich sowohl
das Interesse des Publikums an einer derartig anspruchsvollen Produktion als
auch die Leistung der großartigen Schauspieler, die erneut ihr Können unter
Beweis stellten. Die Art, wie sie sich in immer neue Figuren verwandeln,
ohne sich im Mindesten zu verstellen, ist einfach große Klasse. Regisseur
László Bocsárdis zweieinhalbstündige Aufführung (ohne Pause!) besticht durch
Werktreue, die dem Publikum anhaltende Aufmerksamkeit abverlangt. Auffallend
sind die sorgfältig gestalteten Beziehungen zwischen den Figuren, wie
zwischen der Souffleuse und dem jungen Kettenraucher, der von unzähligen
innovativen Regieideen schwärmt. Die Ausstrahlung der Inszenierung steht
und fällt nicht zuletzt mit der Titelrolle – und Schauspielerin Méhes Kati
verleiht der Souffleuse Körper und Tiefe. Eine große weißhaarige Frau, ganz
in Schwarz gekleidet. Mit einem Textbuch in der Hand verkörpert sie die
Figur mit ausgewogener Ruhe und Würde.
Umgestürzte Scheinwerfer und Stühle, große Löcher und
willkürlich auf der Bühne verstreute Gegenstände (Bühnenbild: Bartha József)
verweisen auf die "Ruinenlandschaft" eines verschwundenen Theaters, das
durch Erinnerungen wieder zum Leben erweckt wird. Sichtbare Luken lassen die
Schauspieler, Geister der Vergangenheit, auftauchen. Tiago Rodrigues ist
besessen von der Welt der Erinnerungen, von dem, was die Geister, die in
alten Texten überleben, zu sagen haben. Mit den Ritualen der Erinnerung
lehnen sie sich gegen das Verschwinden des Theaters auf. "Wir brauchen einen
Ort, wo wir uns den Mysterien widmen können", sagt der junge Regisseur –
eine Verkörperung des Autors – in seinem beeindruckenden Monolog. "Wir
brauchen diese Stunden, in denen wir unerwartete Verbindungen herstellen
zwischen dem, was schon war, auf der Suche nach dem, was noch fehlt. Bis ans
Ende der Nacht reisen. Nie die Reihen des tödlichen Konformismus stärken.
Und, vor allem, nicht sterben! Niemals sterben!"
Sopro
ist ein Stück für all jene, die nicht nur das Bühnengeschehen, sondern auch
das Leben in den Kulissen kennenlernen möchten. Mit fünf Jahren wurde
Christina Vidal von ihrer Tante, selbst Souffleuse, zum Theater gebracht.
Ihre ersten Gefühle, als sie als kleines Mädchen vom Souffleurkasten aus mit
den Fingerspitzen die Bühne berührte, sind unvergesslich. Doch auch die
Worte der Intendantin bei ihrer Einstellung haben sie stark geprägt: "Die
Diskretion des Souffleurs muss der Indiskretion der Schauspieler angemessen
sein."