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Im Labor der Träume

Das von Ramona Olasz ins Leben gerufene Zimmertheater in Bukarest
ist einzig in seiner Art. Das erste deutschsprachige Privattheater in der rumänischen
Hauptstadt versteht es nun schon seit zwei Jahren, mit fein ausgewählten Produktionen
und professioneller Schauspielkunst seine Besucher in den Bann zu ziehen.
Eines sollte man als Zuseher aber keinesfalls tun: sich verspäten.

Von Irina Wolf
(12. 05. 2016)

...


   Sie tragen pyjamaähnliche Anzüge. Lediglich der Frack erinnert an Pinguine. Brav und fröhlich versuchen sie zu musizieren. Die Welt scheint noch in Ordnung, der Allmächtige hält ein wachsames Auge darauf. Als jedoch der "Rapper" unter ihnen sich unversehens auf einen Schmetterling setzt, schickt Gott die Sintflut über die Erde. Noahs Arche scheint die einzige Rettung zu sein. Eine weiße Taube dient als "Wegweiser", verlangt aber Pünktlichkeit, denn um acht soll das Schiff ablegen. Es dürfen jedoch nur Paare mit. Die Pinguine sind dennoch zu dritt. Werden es trotzdem alle schaffen? Oder ist der "böse" Pinguin zum Sterben verurteilt?

Die aktuelle Produktion An der Arche um Acht, worin altbekannte Themen rund um Glaube, Freundschaft, Liebe und Vertrauen verhandelt werden, ist freilich nur eine unter vielen, mit denen das so bezeichnete "Theaterlaboratorium" (bekannt auch unter dem Kürzel "TLB") Groß und Klein in seine Räumlichkeiten lockt. Das von Ramona Olasz 2014 ins Leben gerufene Zimmertheater in Bukarest ist einzig in seiner Art. "Unser Ziel ist es, hochqualitative Kunstwerke anzubieten", sagt die aus Temeswar stammende Gründerin des ersten deutschsprachigen Privattheaters in der rumänischen Hauptstadt. Seinem Vorsatz wird das TLB zur Genüge gerecht. Nicht weniger als sieben Produktionen hat es in den zwei Jahren seines Bestehens herausgebracht, darunter bekannte Kinderstücke wie Der kleine Muck (ein Märchenspiel frei nach Wilhelm Hauff), das Märchenlaboratorium Froschkönig, Max und Moritz oder Wickie und die starken Männer.

   Aber auch die Erwachsenen kommen nicht zu kurz, denn das vielfältige Angebot umfasst noch Frau Müller muss weg von Lutz Hübner, Stück ohne Juden von Julya Rabinowich (bei dem der Österreicher Marius Schiener Regie führte) oder eben das obige An der Arche um acht von Ulrich Hub. Bei der von alternativen Spielorten mit professionellem Anspruch nicht gerade verwöhnten rumänischen Hauptstadt ist dies eine beachtliche Leistung.

Dass es sich dabei um Theater vom Feinsten handelt, steht außer Zweifel. Die drei Pinguine rufen nicht nur durch ihre Kostüme Begeisterung beim Publikum hervor. Auch die schauspielerische Leistung im kleinen, aber intimen Raum ist bemerkenswert. Glaubhaft, ausdrucksstark und authentisch wirken die drei. Keinen Abbruch tut der Authentizität auch die fehlerhafte deutsche Aussprache immerhin handelt sich hierbei in allen Fällen um rumänische Schauspieler, die Deutsch als Fremdsprache während der Schulzeit gelernt haben. Für die Kleinsten unter den Zuschauern eine gute Übung, ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. Für die zwei Damen aus Stuttgart, die in Constanţa, der rumänischen Hafenstadt am Schwarzen Meer, Deutsch unterrichten, und zufällig neben mir auf den schwarz lackierten Pressspankisten sitzen, eine unerwartet melodische Sprechweise.

   Ramona Olasz schlüpft selbst in die Rolle der Taube und zeichnet auch für die Regie verantwortlich. Einfallsreiche Ideen wie die diskret beleuchtete Schiffsluke oder die vor den Augen der Zuschauer zusammengestellte Transportkiste wusste die gelernte Schauspielerin auf klare und beeindruckende Art umzusetzen. Berechtigterweise löste die zauberhafte Komödie mit moralischem Hintergrund am Ende der Aufführung heftigen Applaus aus.

Zur Sicherheit sei hier noch die Adresse des Theaters erwähnt: Calea Dorobantilor Nr. 73. Vielleicht finden auch Sie, verehrte Leser/innen, irgendwann den Weg dorthin. Ein leicht zu entdeckender ist es noch dazu: Zahlreiche nächst der Straße und dem Gartenzaun im Hof aufgestellte Schilder und Plakate weisen in die richtige Richtung. Zuletzt sind auch die im Stiegenhaus abgedruckten TLB-"Sprechblasen" nicht zu übersehen.

   Eine Warnung sei zum Schluss mitgegeben: Auf keinen Fall sollten Sie sich verspäten! Tun Sie es doch, werden Sie vermutlich an dem an der Eingangstür angebrachten Schild ("Vorstellung hat begonnen, bitte nicht stören") nicht mehr vorbeikommen: Klaus Christian Olasz, ehemaliger Konsul Deutschlands in Temeswar, nimmt seine Rolle als Türwächter und Kartenverkäufer sehr ernst.
 


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