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Im Labyrinth unserer eigenen Verwundbarkeit

Die 50. Ausgabe der Theaterbiennale von Venedig präsentierte vom 24. Juni bis zum 3. Juli
einige der renommiertesten Namen der zeitgenössischen internationalen Szene. Im zweiten
Jahr seiner Intendanz setzte das Kuratorenduo Stefano Ricci und Gianni Forte
seinen auf Farben basierenden Ansatz fort.

Von Irina Wolf
(24. 07. 2022)

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Irina Wolf
irinawolf10 [at] gmail.com

Irina Wolf wurde in
Bukarest geboren. Nach
Abschluss ihres Informatik-
studiums und mehreren
Jobs im Telekommunikations- und Forschungsbereich
wechselte sie 1993 in den
Außenhandelsdienst. Seit
2007 schreibt sie freiberuflich
für mehrere rumänische und
deutschsprachige Kultur-
zeitschriften.

 


(c) Andrea Avezzu

Christiane Jatahy
ist die Preisträgerin des
Goldenen Löwen 2022.



(c) Andrea Avezzu

"O agora que demora"
(
Regie: Christiane Jatahy)

 

Das Videomaterial auf
der Bühne verwebt sich
mit dem theatralischen
Dialog im Zuschauersaal.
Die Inszenierung ist unbe-
rechenbar, zugleich voller
Energie und Melancholie.
Denn Nostalgie ist das
Gefühl des Exils.

 


(c) Andrea Avezzu

Samira Elagoz
erhielt den Preis für den
Silbernen Löwen.



(c) Samira Elagoz

"Seek Bromance"
(Regie: Samira Elagoz)

 

Elagoz erkundet die
durchlässigen Grenzen
zwischen dem Realen und
dem Virtuellen, untersucht
die Auswirkungen von
Liebe, Geschlecht, Weib-
lichkeit, Verlangen und
seine darauffolgende Zer-
störung sowie die brutalen,
verborgenen Machtspiele
und begibt sich auf eine
intime und poetische
Expedition.



 


(c) Sabina Boesch

"Kurze Interviews mit
fiesen Männern
"
(Regie: Yana Ross)

 



(c) Andrea Avezzu

"Loco"
(Regie: Tita Iacobelli
und Natacha Belova)

   Auf das Motto "Blau" von 2021 folgte dieses Jahr "Rot", um 2023 mit "Grün" und schließlich ein Jahr später mit "Schwarz-Weiß" fortgeführt zu werden. Laut ricci/forte ist "die deutsche Sprache am besten geeignet, um das zentrale Thema auszudrücken", denn "ROT hat einen harten Klang. Es ist ein Kratzer, ein Riss, der von Anstrengung spricht. Es ist das Geräusch, das die Zähne machen, wenn sie knirschen".

Der Goldene Löwe

   Die Theaterbiennale wurde von der brasilianischen Regisseurin Christiane Jatahy, Gewinnerin des diesjährigen Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk, eröffnet. Der Titel ihrer Produktion O agora que demora – auf Englisch als The Lingering Now übersetzt – könnte auf Deutsch in etwa "Die andauernde Gegenwart" bedeuten. Basierend auf Homers "Odyssee" bildet die von Jatahy konzipierte und inszenierte Performance das zweite Kapitel ihres Diptychons, das dem zeitgenössischen Exil gewidmet ist (der erste Teil, Ithaca, wurde 2018 am Odéon-Théâtre de l’Europe in Paris uraufgeführt). Die Geschichten der Millionen, die wie Odysseus durch die Welt irren, spiegeln die unermessliche Gegenwart derer wider, die vor Krieg, Armut, der Unterdrückung der Freiheit im Allgemeinen fliehen. Eine Flucht, die kein Ende zu haben scheint, die Staaten und Grenzen, Wüsten und Flüsse, vor allem aber menschliche Zustände und Sprachen durchquert. Und auch die Kunstsprachen Film und Theater.

Seit sie international bekannt geworden ist, bewegt sich Jatahy an der scheinbar klaren Grenze, die das Live-Theater von der Kinoleinwand trennt. Mit O agora que demora wird die Trennungslinie differenzierter, durchlässiger. Das Videomaterial auf der Bühne verwebt sich mit dem theatralischen Dialog im Zuschauersaal. Die Inszenierung ist unberechenbar, zugleich voller Energie und Melancholie. Denn Nostalgie ist das Gefühl des Exils. So finden nach einer Viertelstunde Dokumentarfilm einige der Männer und Frauen, die aus dem Libanon, Syrien oder anderen Ländern geflohen sind, ihr Pendant unter den Zuschauern im Saal. Es scheint, als ob diese Menschen die Leinwand verlassen hätten, um ihre persönliche Odyssee vor Ort weiterzuerzählen. Die Stimme eines Mannes oder einer Frau, der Klang eines Instruments oder eines Liedes erklingt von den tatsächlich Fluchtsuchenden direkt vor uns, hinter uns oder im nächstgelegenen Sessel.

   Christiane Jatahy befindet sich nicht im Exil, vielleicht nur aus künstlerischer Sicht. Denn in Brasilien sind Künstler, die sich kritisch gegenüber dem Bolsonaro-Regime äußern, wenig angesehen. So ist es kein Wunder, dass die Regisseurin, die auch als Protagonistin auftritt, einen starken Wunsch, in ihre Heimat zurückzukehren, offenbart. Die Geschichte wird sehr persönlich, als sie vom Verschwinden ihres Großvaters vor siebzig Jahren im Amazonaswald erzählt. Geschickt verwebt sie in diesem Zusammenhang die Sorgen der kleinen Gemeinde der Kayapós-Indianer, die sich anstrengen, ihre Freiheit vor der zerstörerischen Wucht des Bolsonaro-Regimes zu retten.

Produziert im Jahr 2019, erwähnt O agora que demora die Situation der ukrainischen Flüchtlinge aus naheliegenden Gründen nicht. Und es ist diese Abwesenheit, die es noch dringender macht, darüber zu sprechen, wie die Regisseurin in ihrer Rede bei der Verleihung des Goldenen Löwen betonte.

Der Silberne Löwe

   Der Silberne Löwe ging dieses Jahr an den finnischen Künstler Samira Elagoz. Während seine früheren Arbeiten die Männlichkeit heterosexueller Männer von einer externen Position aus untersucht haben, ändert er in seiner jüngsten Arbeit den Blickwinkel. Seek Bromance (2021) ist eine Trans-Liebesgeschichte, die irgendwo am Ende der Welt spielt, eine Art Science-Fiction-Dystopie. Die Bilder, die Elagoz zusammen mit seinem Partner, dem brasilianischen Künstler Cade Moga, einfängt, dokumentieren ihre Beziehung vom ersten Kennenlernen bis zur Trennung. Mit minimalistischen Mitteln decken die beiden Künstler die Dynamik von Männlichkeit und Weiblichkeit auf. Gleichzeitig erforscht Seek Bromance Elagoz' Wandel von der weiblichen zur männlichen Identität.

"Indem er seinen eigenen Körper auf die Bühne bringt und ihn visuell durchtrennt – mit all seinen Paradoxien und vielförmigen Facetten –, richtet Samira Elagoz seinen schonungslosen Blick auf die Einsamkeit und auf das menschliche Verhältnis der Geschlechter im digitalen Zeitalter, in einer Gesellschaft, die sich der Kontrolle entzieht. Elagoz erkundet die durchlässigen Grenzen zwischen dem Realen und dem Virtuellen, untersucht die Auswirkungen von Liebe, Geschlecht, Weiblichkeit, Verlangen und seine darauffolgende Zerstörung sowie die brutalen, verborgenen Machtspiele und begibt sich auf eine intime und poetische Expedition. Es ist gleichzeitig eine ironische Reise, die sich nicht nur mit Klischees und Fragen der Selbstdarstellung in den Medien beschäftigt, sondern auch mit dem männlichen Verhalten während seinen Verführungsversuchen (in einem Dominanz- und/oder Unterwerfungsverhalten)", heißt es in der Laudatio.

Pornografie und die Einsamkeit der Gegenwart

   Die diesjährige Ausgabe des Festivals "ist ein Spiegel, der mit der Welt vibriert, der auf unsere sich verändernden Gesellschaften hört und dessen Hauptaufgaben Kreation und Überlieferung sind", sagen ricci/forte. Gleichzeitig ist die Theaterbiennale "eine Fabrik der Gesten und Worte, in der wir unsere Existenz, Exzesse, Träume und Körper unter die Lupe nehmen".

Die explosive Performance des Schauspielhauses Zürich Kurze Interviews mit fiesen Männern nach David Foster Wallace hinterließ einen starken Eindruck. In seinem Buch lässt der amerikanische Autor Männer sehr deutlich über ihre meist toxischen Beziehungen zu Frauen sprechen, über sexuelle Fantasien und Machtwahn, aber auch über Einsamkeit, Depression und Selbsthass. Sensationell ist in der von Regisseurin Yana Ross konzipierten Performance schon der Anfang: Beim Betreten des Saals vollführt ein Paar einen Live-Sex-Akt. Für Ross ist Pornografie "ein phänomenales Werkzeug zur Beschreibung unserer gesellschaftlichen Gegenwart".

In gleicher Art geht es dann verbal weiter. Wie der Untertitel vermuten lässt, gibt es in "22 Arten der Einsamkeit" – ich muss zugeben, dass ich sie nicht gezählt habe – unter anderem Tipps über Oralsex, Gespräche über Vergewaltigungsmöglichkeiten mit Whiskyflaschen und über den menschlichen Körper als Gegenstand zum Experimentieren, Auseinandersetzungen über widerwärtige Geräusche und Gerüche auf öffentlichen Toiletten. Das Publikum wirkt amüsiert und verlegen zugleich. Interessanterweise ist niemand empört. Und das liegt daran, dass die Textpassagen an keiner Stelle mit dem übereinstimmen, was im Western-Stil auf der Bühne dargestellt wird. Alles wirkt karikiert, ironisch und grotesk. Da ist zum Beispiel die Szene, in der sich zwei Männer in einem Jacuzzi-Pool über die Arrangements nach der Scheidung streiten, und dabei in ein Mikrofon, das die Form eines Penis' hat, sprechen. Oder die in Cowboy-Kostüme gekleideten Schauspieler, die während einer Singnummer Haartrockner als Mikrofone verwenden. Absoluter Höhepunkt ist der Auftritt von drei Männern, die in einer Fernseh-Diskussionsrunde die Frauenprobleme sezieren – eine belustigende Art, Geschlechterklischees abzubauen. Erst mit der Behandlung des Holocaust-Themas merkt man, welche ernsten Anliegen da untersucht werden.

   Dass Yana Ross das Paar aus der Pornoszene in ihre Inszenierung integriert (dem Live-Sex folgt später noch eine heiße Striptease-Szene), ist Herausforderung und Werbung zugleich. Gemeinsam mit dem außergewöhnlichen Schauspielensemble bringt die Regisseurin die männlichen (Gewalt-)Fantasien spielerisch auf die Bühne, was zu einer klugen und überzeugenden Umsetzung von Wallaces Buch führt.

An diese bemerkenswerten Stücke schließen sich die Produktionen des Bienniale College Teatro an, das darauf abzielt, jungen italienischen Theaterschaffenden Sichtbarkeit zu verleihen. Auf dem Programm standen unter anderem noch die Produktion Tryptich von Peeping Tom, Broke House der amerikanischen Gruppe Big Art Group (Regie und Bühnenbild Caden Manson), zwei ortsspezifische Arbeiten, die täglich unter freiem Himmel vor Touristen und Passanten in der magischen Lagunenstadt präsentiert wurden, ein Milo-Rau-Schwerpunkt, eine Reihe von Workshops, das der italienischen Dichterin Alda Merini gewidmete Projekt "Late Hour Scratching Poetry" sowie die Produktion Loco von Tita Iacobelli (aus Chile) und Natacha Belova (aus Russland) – ein poetisches Animationstheater nach Gogols "Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen".

"ROT ist ein blendendes Rot, die Metamorphose der Leidenschaft, [...] das Niedertreten der Würde und ein Schrei der Verzweiflung angesichts der barbarischen Beerdigung von Ideen wie Frieden und Freiheit; ROT ist die Sprache der Vergebung und der Emotionen; ROT rebelliert gegen das Oberflächliche; ROT bist du, dein Körper", sagen die Kuratoren Stefano Ricci und Gianni Forte. Und genau dieser Körper wird im 400 (!) Seiten umfassenden Katalog des Festivals "zerlegt", indem jeder Künstler seine eigene Perspektive auf die Farbe Rot und auf verschiedene Teile des menschlichen Körpers darlegt.

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