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Von Gespenstern und Löwen

Ein Kurzbesuch bei der Theaterbiennale in der Lagunenstadt Venedig.

Von Irina Wolf
(20. 08. 2018)

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   Im Becken von San Marco herrscht ein ständiges Treiben: Vaporettos legen an, Frachtboote entladen ihre Waren, Gondolieri fahren Touristen auf dem Canal Grande. Die große Panoramaterrasse des Hauptbüros der Venediger Biennale ist einzigartig. Links der Blick über die Insel San Giorgio Maggiore, rechts über die imposante Basilika Santa Maria della Salute. Kein Wunder, zählt doch der historische Palast Ca'Giustinian zu den repräsentativsten Vertretern des venezianischen Stils der Spätgotik. Hier fand die Eröffnung der diesjährigen 46. Ausgabe der Theaterbiennale statt, die zweite unter der künstlerischen Leitung des Regisseurs Antonio Latella. Unter dem Motto "Zweiter Akt: Schauspieler / Performer" (der erste Akt war 2017 den Regisseuren gewidmet) wurden vom 20. Juli bis zum 5. August insgesamt 31 Produktionen, darunter sechs Weltpremieren, gezeigt.

Zwei Löwen aus Edelmetall

   Eröffnet wird die Biennale Teatro traditionell mit der Preisverleihung. Der silberne Löwe, ein Nachwuchspreis für theatralische Innovation, ging dieses Jahr an die italienische Gruppe Anagoor. Den goldenen Löwen – er zeichnet ein Lebenswerk aus – erhielt das Duo Antonio Rezza und Flavia Mastrella. Am ersten Abend zeigten Anagoor ihre Neuproduktion Orestea. Agamennone, Schiavi, Conversio. Gegründet im Jahr 2000 von Simone Derai und Paola Dallan, machten sich Anagoor insbesondere dadurch bemerkbar, dass sie "alles in Eigenregie kreieren", so Latella in der Laudatio. So ist es nicht verwunderlich, dass Simone Derai für Regie, Bühnenbild, Kostüme, Video-Design sowie für die Dramaturgie, zusammen mit Patrizia Vercesi, verantwortlich zeichnet. Ebenfalls bekannt sind Anagoor für ihre Zusammenarbeit mit professionellen Künstlern und Laienschauspielern, mit Sängern und Tänzern.

Philosophische und literarische Bezüge lagen schon immer im Fokus der Theatergruppe. Auch für die Neuproduktion wird eine Neuübersetzung von Aischylos Orestie mit Zitaten aus Werken verschiedener Autoren wie S. Quinzio E. Severino, S. Givone, W.G. Sebald, G. Leopardi, A. Ernaux, H. Broch, P. Virgilio Marone, H. Arendt, G. Mazzoni bereichert. Der dadurch entstandene Text erweist sich als dicht und schwierig. Dennoch wird er verständlich von den Schauspielern vermittelt, zumal die Dauer der Aufführung vier Stunden umfasst, mit nur einer Pause dazwischen. Rätselhaft wirkt die Inszenierung aber durch die Videoprojektionen. Die auf der Bühnenrückwand gezeigten Filme stellen entweder eine von Flammen verschlungene Europa-Karte oder ein zu schlachtendes Rind dar.

   Auf der sonst leeren Bühne befinden sich ein Mikrofon, ein altes, für Live-Aufnahmen der Schauspielerstimmen bestimmtes Tonbandgerät und einige Lautsprecher. Die Soundkulisse spielt eine wichtige Rolle. Elektronische Musik, Menschenlärm, klirrende Waffen, Kindertotenlieder, Möwenschreie, Wellengetöse. Das sind nur einige der von Anagoor eingesetzten Soundeffekte, um die Fantasie der Zuschauer anzuregen, ihre eigenen Bilder zu kreieren. Schon zu Beginn ertönt der gellende Ruf des Muezzins, und währenddessen werden auf dem Bildschirm die Worte "Hahn der Morgenröte" projiziert. Ist der Hahn in der indischen Welt als Tier des Übergangs zwischen Leben und Tod bekannt, so verkündet er auch bei Tagesanbruch das Ende der Nacht. Denn der Ausgangspunkt der Produktion ist der Tod. Stärker als das Leben. Fazit: Anagoors Werk untersucht die Wurzeln der heutigen westlichen Gesellschaft.

Ganz anders die Ästhetik von Rezza und Mastrella. Drei ihrer Werke wurden im Festival gezeigt: 7-14-21-28, Fratto_X und Adelante. Das 1987 gegründete Duo besteht einerseits aus Antonio Rezza, "dem Künstler, der in seinem Körper die zwei verschiedenen Charaktere des Schauspielers und des Performers vereint" und, andererseits, aus Flavia Mastrella, Schöpferin von außergewöhnlichen Bühnenbildern, den sogenannten Lebensräumen oder "Habitaten". Angeordnet auf Metallgestelle, symbolisieren Seile und Netze aus Leinen und farbigen Stoffen zum Beispiel einen Kinderspielplatz. Mit seiner einzigartigen schauspielerischen Tour de Force belebt der Künstler die von Mastrella geschaffenen Kunstwerke. Rezzas sehr hoher körperlicher Einsatz und unermüdlicher Wortfluss sind atemberaubend. Sein Körper scheint keine Grenzen zu kennen. Er schwingt auf der Schaukel hin und her, verwickelt sich in den Netzen, wirft sich auf den Boden, läuft, springt, hüpft. Gestik und Mimik bleiben dabei nicht nebensächlich. Die verspielten Worte wirken witzig und erheiternd. Und doch steckt mehr dahinter, vielfach sind subtile politische Assoziationen erkennbar. Und wenn am Schluss zwei nackte Männer (Ivan Bellavista ist Rezzas Assistent) um den Kinderspielplatz herumlaufen, und ihre intimsten Körperteile mit den Händen zudecken, kennt die Begeisterung des Publikums keine Grenzen.

Gespenster im Lego-Neubau

   Mit Spannung erwartet worden war die Premiere von Henrik Ibsens Gespenster in der Inszenierung von Leonardo Lidi. Themen wie "die Familie, das Fehlen einer Hauptfigur oder die Abwesenheit als Protagonistin" sind für den Gewinner des (2017 den italienischen Nachwuchsregisseuren unter 30 Jahren gewidmeten) Biennale College von großem Interesse. Lidi betrachtet das Drama des bekannten norwegischen Autors als ein Lego, das er auseinandernimmt und seinem eigenen Wunsch entsprechend wiederaufbaut. Dadurch reduziert er die Personenanzahl auf vier und zwingt die Schauspieler, in mehrere Rollen hineinzuschlüpfen. Und das tun sie hervorragend. Statt eines Holzfußes trägt Jakob Engstrand, Reginas Vater, eine Taucherflosse. Er interpretiert auch den Pastor Manders. Frau Alving wird von einem Mann gespielt, der ebenfalls den verstorbenen Herrn Alving sowie seine Geliebte Johanna verkörpert. In Lidis Vision ist Oswald, Frau Alvings Sohn, geistig behindert.

Auf einer einfachen Bank dem Publikum gegenübersitzend, erfolgt die Narration des Dramas. Düster und bedrückend wirkt die Atmosphäre, vor allem durch die dunkelgraue Farbe, die das Bühnenbild dominiert. Wasser spielt eine sehr wichtige Rolle. Ein kräftiger Regen bedeckt die Bühne und die Schauspieler. Die Szene wirkt gruselig, umso mehr, da alte Gespenster zum Vorschein kommen. In einem mit Wasser gefüllten kleinen Becken bringt Frau Alving Regina um. Danach nimmt sie sich das Leben. Der einzige Überlebende dieses Ibsen-Dramas "Marke Lidi" ist der plötzlich geheilte Oswald. Er steht auf und schreitet mit geradem Körper zur Rampe hin, schaut den Zuschauern lange in die Augen. Das unerwartete Ende wirkt überraschend und regt zum Nachdenken an.

   Schon seit mehreren Jahren ist das College zum fixen Bestandteil der Theaterbiennale geworden. Ziel ist es, "den Theaterschaffenden in Italien eine Stimme zu geben und unter Berücksichtigung der bestehenden Schwierigkeiten und der Kluft zwischen den Generationen mehr Sichtbarkeit zu schaffen". Der Kuss. Das war das Thema des diesjährigen Biennale College. Der Kuss als eine der "intensivsten und geheimnisvollsten natürlichen Gesten", gleichzeitig aber auch als "Performance-Darbietung, die durch ständige Erneuerung einzigartig und unwiederholbar wird". Umso spannender kündigt sich die Inszenierung des College-Gewinners bei der nächsten Auflage des Festivals an.
 


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