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Ein Treffen mit den Geistern des Volkstheaters

Klein und groß. Zwei Körbe mit weißen Handschuhen stehen für die Besucher
bereit. Ich entscheide mich für die Großen. Dazu kommen noch ein Audiogerät und
ein Paar Kopfhörer. Derart ausgestattet beginnt meine Erkundungstour durch das frisch
renovierte Volkstheater. Auf dem iPad des Mannes in der Garderobe
läuft der Countdown: drei, zwei, eins – los!

Von Irina Wolf
(10. 05. 2021)

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Irina Wolf
irinawolf10 [at] gmail.com

Irina Wolf wurde in
Bukarest geboren. Nach
Abschluss ihres Informatik-
studiums und mehreren
Jobs im Telekommunikations- und Forschungsbereich
wechselte sie 1993 in den
Außenhandelsdienst. Seit
2007 schreibt sie freiberuflich
für mehrere rumänische und
deutschsprachige Kultur-
zeitschriften.

 

 

(c) Nikolaus Ostermann / Volksthater


(c) Nikolaus Ostermann / Volksthater


(c) Nikolaus Ostermann / Volksthater


(c) Nikolaus Ostermann / Volksthater

   Seit über einem Jahr ist das Volkstheater geschlossen, zuerst wegen dessen Generalsanierung, dann wegen Corona. Mit "Black Box. Phantomtheater für 1 Person" lädt Stefan Kaegi, bekannt auch von der Gruppe Rimini Protokoll, auf einen Audiowalk durch mehrere Räumlichkeiten. Kostüm- und Maskenabteilung, Lichtbrücke und Unterbühne, Requisite und Aufenthaltsraum, Souffleurkasten, Kühlraum, Inspizientenpult, VIP-Lounge, Rote Bar – all das und vieles mehr ist begehbar. Überall kann man in die Theaterwelt hineinschnuppern und auch selbst auf der Bühne stehen. Der für seine ortsspezifischen Inszenierungen weltweit hoch geschätzte Schweizer Künstler landet auch diesmal einen Volltreffer.

Alle fünf Minuten geht es für jeweils einen Besucher durch die von Stefan Kaegi eigens für das Volkstheater kreierte Installation. Was mir als erstes auffällt: Überraschend modern ausgestattet sind die WC-Anlagen. Das ist wohltuend und ungewohnt für mich als häufige Volkstheater-Besucherin. Durchaus beeindruckend sind auch die neuen Luftkühlerrohre der Klimaanlage im Keller. Viel Freude spüre ich beim Betreten der hellen, frisch gestrichenen Gänge. Trotz obligater FFP2-Maske ist der Farbgeruch noch immer recht intensiv. "Theater ist Raum, Geruch, Adrenalin, Gemeinschaft", flüstert mir die Kopfhörer-Stimme ins Ohr.

   Mit viel Liebe zum Detail sind die Zimmer ausgestattet. Kostüme, Perücken, Schminkutensilien, Postkarten, Fotos, ein automatisches Schießgewehr in einem Violinenkoffer – und noch so vieles mehr, das an vergangene Produktionen des Volkstheaters erinnert. Wie in einem Harry-Potter-Film schaltet sich die Nähmaschine in der Kostümwerkstatt von selbst ein. Auch im Requisitenraum scheint es zu geistern: Kunstschnee fällt von der Decke, während eine künstliche Blume in einem Topf "aufblüht".

Dennoch bietet Kaegis Konzept viel mehr als nur eine visuelle Reise durch das Volkstheater. An jeder Station strömen Geräusche und Gespräche in die Ohrmuschel. Schauspieler, Dramaturgen, Techniker, Requisiteure, Maschinisten sowie Menschen theaterferner Berufsgruppen wie Psychoanalytiker, Architekten und Schüler kommen zu Wort. Es reicht aus, sich von den warmen Stimmen und den Klängen einhüllen zu lassen, die so präzise räumlich sind, dass man ständig versucht, sich umzudrehen, um zu sehen, wer hinter der Schulter spricht, wer hinter dem Rücken flüstert, wer zum Beispiel das Maß des Kopfes und der Brust misst, während man auf einem Hocker sitzt, damit die Näherin Änderungen vornehmen kann.

   Letztendlich dreht sich doch alles um die Bühne. Zuerst bekommt man von der Lichtbrücke einen atemberaubenden Blick auf das Plateau – nur etwas für Schwindelfreie. Nach weiteren Stationen darf man unter die ersten Sitzreihen spähen und aus dem winzigen Souffleurkasten auf die Bühne gucken – nichts für Klaustrophobe! So nähert man sich langsam der Spielfläche. Noch verweilt man kurz am Rand. Alles ist zeitlich genau getaktet und ausgeklügelt: Man nimmt auf dem Inspizientensessel Platz, darf die Nebelmaschine betätigen, bis man schließlich die Hauptbühne betritt. "Anhalten, wo die Fußabdrücke sind", sagt die Stimme (von Doris Weiner) ins Ohr. Von vorne ist man von einem Scheinwerfer geblendet, von hinten spürt man eine beachtliche Wärme von einer Reihe anderer Lichtstrahler. Auf einmal wird es dunkel. Nur eine geringe Anzahl von Sesseln im leeren Zuschauerraum wird sanft beleuchtet. Da sitzt eine einsame Person: Es ist der Besucher, der das Theater im fünfminütigen Zeitfenster vor mir durchwandert. Bis vor Kurzem stand er noch auf der Bühne. Wir schauen uns an und sind von Emotionen überwältigt. Beide sind wir Beobachter und Protagonist zugleich. Diese Szene ist für mich der eindeutige Höhepunkt des unvergesslichen Abends.

"Sie sind die subjektive Kamera, doch mit allen Sinnen in Aktion. Sie werden die Aufnahmen nicht auf Film, sondern in Ihrem Hirn festhalten", flüstert die Stimme im Kopfhörer gleich zu Beginn. Nach neunzig Minuten ist der Spaziergang durch die intimen Kulissen des Volkstheaters unter der neuen Intendanz von Kay Voges zu Ende. Hoffen wir, dass die Räume wieder von Leben gefüllt werden, dass ein gemeinsames Erlebnis bald ermöglicht wird. Der Prolog dafür ist vollbracht.

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