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Theater: Spiegel zwischen Individuum und Gesellschaft

Catinca Drăgănescu ist eine rumänische Regisseurin. Doch nimmt sie in
diesem Beruf in ihrem Geburtsland eine Minderheitenposition ein. Als freischaffende
Künstlerin hat sich Drăgănescu von Anfang an einem Regieprogramm gewidmet, das Theater
und Gesellschaft vereint. In den letzten Jahren hat sie es geschafft, als Gastregisseurin
an Staatstheatern zu inszenieren. Im Einklang mit dem Programm ihrer Generation
befasst sie sich mit Vergangenheitserkenntnis und -verständnis, Identitätsproblemen,
Wirtschaftsmigration, Klischees und Wahrnehmung von Minderheiten.

Von Oana Cristea Grigorescu
(01. 04. 2020)

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(c) Adi Bulbuoaca

Oana Cristea Grigorescu


Oana Cristea Grigorescu ist Theaterkritikerin und -produ-
zentin bei Radio România.
Mitglied des rumänischen
Theaterverbandes UNITER
seit 1997. Grigorescu promo-vierte 2011 an der Gheorghe
Dima Musikakademie in Klau-
senburg (Cluj), war Kultur-
journalistin bei Radio Cluj
zwischen 1995 und 2016 und
Berichterstatterin für Radio
România Cultural. Sie wirkte
an den fünf dem rumänischen
Theater gewidmeten Sammel-
bänden mit, die von Oltița
Cîntec koordiniert wurden
(Verlag Timpul, Iași, 2015-
2019). Außerdem koordinierte
Grigorescu, zusammen mit
Andrei Popov, das Buch
FranceDanse Orient-Express
(Französisches Institut Bu-
karest, 2018). Sie schreibt
Theaterrezensionen unter an-
derem für Observator Cultural,
Scena.ro und liternet.ro.

 

 

 

 

Soziale Themen und
die fiktionale Umsetzung
realer Lebenserfahrungen
bilden das Rückgrat von
Drăgănescus Bühnen-
kreationen.

 


 

 

 


(c) Adi Bulbuoaca

"Good for Export"
(Regie:
Catinca Drăgănescu)

 

 

 

 

Jedes Mal, wenn sie klass-
ische Stücke aktualisiert,
versucht Drăgănescu das
Publikum zu fordern und
aus der Komfortzone
herauszubewegen.

 

 

 


 

Buchtipp



Irina Wolf (Hg.)
Machtspiele: Neue Thea-
terstücke aus Rumänien.

Verlag Theater der Zeit,
2015, 200 S.
ISBN: 978-3957490322

 

 

 

 

 

Ihre zehnjährige Regie-
erfahrung an staatlichen
Theatern sowie in der
unabhängigen Szene habe
sie davon überzeugt, meint
Drăgănescu, dass ideale
Arbeitsbedingungen nur
in einer eigenen Theater-
gruppe zu verwirkli-
chen seien.

   Zwei ihrer Inszenierungen zeigen unterschiedliche Perspektiven auf die Auswirkungen der Auswanderung der 2000er-Jahre. Die von der GO-WEST-Theaterplattform produzierten Rovegan und Good for Export dokumentieren persönliche Schicksale. Als Teile einer Migrationstrilogie wurden diese 2017 bzw. 2018 im Rahmen des Bukarester Nationaltheaterfestivals (FNT) gezeigt (die letzte Produktion, Karte und Gebiet nach Houellebecqs gleichnamigen Roman, ist noch in Arbeit).

Die Aufnahme von Drăgănescus Inszenierungen im Festivalprogramm ist nicht nur ein Beweis für die Anerkennung der Relevanz des sozialdokumentarischen Theaters, sondern auch für die in der unabhängigen Szene eingesetzten minimalistisch-performativen ästhetischen Mittel. Im Fokus von Rovegan stehen die in Italien Arbeit suchenden rumänischen Mütter, die ihre Kinder in der Obhut von Verwandten oder Nachbarn zu Hause lassen. Catinca Drăgănescu zeichnet verantwortlich für Text und Regie. Die Textfassung basiert auf realen Geschehnissen aus dem Kreis Vaslui (östlicher Teil Rumäniens, Anm. d. Ü.). Für die Bühnenumsetzung wird eine aktualisierte Version des Märchens "Die Ziege mit den drei Geißlein" verwendet (das ist die rumänische Version von "Der Wolf und die sieben Geißlein", Anm. d. Ü.).

Good for Export kombiniert Geschichten über den Migrations-Brain-Drain  mit dem konkreten Fall des ausgewanderten und in die Heimat zurückgekehrten Schriftstellers Alex Tocilescu (Sohn des Regisseurs Alexandru Tocilescu). Die Eingliederung der beiden Produktionen in das Programm des FNT ist das Ergebnis des von den freischaffenden Künstlern auf den Mainstream der Theaterszene ausgeübten Drucks. Dadurch schafft es die "Y-Generation", die sich seit 2010 nur in der unabhängigen Szene künstlerisch ausdrücken konnte, mehr Sichtbarkeit zu erreichen.

   Die beiden erwähnten Produktionen sind ein Beweis dafür, dass soziale Themen und die fiktionale Umsetzung realer Lebenserfahrungen das Rückgrat von Drăgănescus Bühnenkreationen bilden. Durch ihre Themenauswahl übernimmt die junge Regisseurin die Verantwortung für das Schaffen eines Theaters, das sie "Theater des Bewusstseins" nennt. Zudem wurde bei der Auflage 2018 des Nationaltheaterfestivals eine weitere Dokumentartheater-Produktion von Drăgănescu gezeigt: Im Schatten des großen Plans, inszeniert beim Kreations- und Versuchsreaktor in Klausenburg – diese wird weiter unten besprochen. Die zeitgenössische Dramatik, die Aktualisierung von Klassikern und die Übernahme der Rolle des Dramatikers charakterisieren die Bühnenarbeit von Catinca Drăgănescu, all das gekoppelt mit ihrer Vision von der Rolle des Theaters als Widerspiegelungsmedium des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft.

Mit einem Studienabschluss in Kommunikationswissenschaft (2007, "David Ogilvy"-Fakultät für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit) und einem weiteren Abschluss im Jahr 2010 der Studienrichtung Regie an der Nationaluniversität für Theater und Film Bukarest (2015 folgte die Masterarbeit, 2019 die Promotion zum Doktortitel), ist Drăgănescu Teil der Nachfolgegeneration von dramAcum und Tanga-Project. Es wäre jedoch verallgemeinernd, über Generationsmerkmale zu sprechen, zumal nur einige wenige Regisseure Interesse am Experimentieren anhand der neuen Dramatik gezeigt haben.

   Eine enge Zusammenarbeit mit dem Künstlerensemble sowie journalistische Dokumentationsmethoden sind Hauptmerkmale von Drăgănescus Arbeit. Im ersten Jahrzehnt widmet sie sich der Suche nach einer Sprache zur Bühnenumsetzung von Gegenwartsthemen. Sie lehnt die Rolle des Regisseurs als Deuter des dramatischen Textes ab und befasst sich schon in den Inszenierungen ihres Studienabschlusses mit der deutschen zeitgenössischen Dramatik: Zeit zu lieben, Zeit zu sterben von Fritz Kater (2010) und Feuergesicht von Marius von Mayenburg (2012) – beide preisgekrönte Produktionen der damaligen Absolventengala.

Von Anfang an strebt Drăgănescu die kombinierte Rolle von Regisseurin & Autorin an. 2012 ist ein gutes Jahr für die Künstlerin. Sie gewinnt mit ihrem ersten eigenen Text Photoshop den Wettbewerb "Auf der Suche nach einem Regisseur, auf der Suche nach einem Dramatiker" des Nationaltheaters "Marin Sorescu" in Craiova. Es folgt ein weiteres von Drăgănescu verfasstes Stück: dontcrybaby, von Eugen Jebeleanu am UNATC inszeniert. Durch die Themenauswahl (Vergangenheitserkenntnis und -verständnis, Identitätsprobleme) weisen ihre Produktionen einen kontrollierten Aktivismus auf.

   Auf Einladung des Kreations- und Versuchsreaktors in Klausenburg bringt Drăgănescu 2018 Im Schatten des großen Plans auf die Bühne, und vertieft damit das Prinzip der engen Zusammenarbeit mit dem Künstlerensemble. Die Produktion basiert auf Interviews und spiegelt eine Etappe der jüngeren Geschichte wider, die von keinem der Ensemblemitglieder am eigenen Leib erfahren worden ist: die Stellung der Frau im Kommunismus. Hier muss sich die Regisseurin den Gefahren des militanten Aktivismus im Theater entgegenstellen. Trotz der von der Kritik gelobten Inszenierung führt die Erfahrung in Klausenburg dazu, dass sich die Regisseurin vom expliziten sozialen Engagement auf der Bühne abgrenzt. Darüber hinaus erklärt Catinca Drăgănescu ihre Neigung zu einem Theater, das durch fiktive Lebensgeschichten Fragen aufwirft.

Während des kreativen Prozesses übernimmt die Regisseurin auch die Rolle des Dramaturgen, wird sich dabei aber auch einer gewissen Ambiguität bewusst, die mit dieser Doppelfunktion einhergeht, insbesondere dann, wenn sie versucht, klassische Stücke zu aktualisieren. Für die Produktion Schöne neue Welt nach Aldous Huxley (2018, Excelsior-Theater Bukarest) zeichnet Drăgănescu für die Dramatisierung verantwortlich. Ihr Ziel ist es, einen Text zu schreiben, der vor allem Jugendliche anspricht. Jedes Mal, wenn sie klassische Stücke aktualisiert, versucht Drăgănescu das Publikum zu fordern und aus der Komfortzone herauszubewegen. Daraus ergibt sich die Radikalität von neu zusammengesetzten Texten wie Dystopia. Shakespeare. Remix (2014, 9G beim Nationaltheater Bukarest), Ibsen Incorporated (2015, ARPAS und Komödientheater Bukarest), iHamlet (2016, Punctart und Excelsior-Theater Bukarest), 3 Schwestern (2017, Punctart und "Matei Vişniec" Stadttheater Suceava), [die] Mö@we (2018, Klassisches Theater Arad). Mit jeder Dramatisierung kreiert Drăgănescu einen Text, der die Epoche des Originals mit der heutigen Realität verbindet. So versteht sich die Regisseurin-Autorin als Vermittlerin, deren Aufgabe es ist, den klassischen Text in eine aktualisierte Sprache zu übersetzen. Themen, Figuren, Fragmente aus dem Originaltext werden übernommen und in die Gegenwart versetzt.

   In ihrer letzten Produktion 2019 am Andrei-Mureşanu-Theater in Sfântu Gheorghe (Der Goldene Drache von Roland Schimmelpfennig) sorgt Drăgănescu für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen der Erforschung von Theaterelementen und der Arbeit mit den Schauspielern. "Sagte ich am Anfang über mich, dass ich eine Regisseurin mit einer konzeptuellen Handschrift bin, dann vertrete ich jetzt die Ansicht, dass ich eine Regisseurin bin, die auf größte Aufmerksamkeit bei der Arbeit mit den Schauspielern setzt", so Drăgănescu über sich selbst. Diese zehnjährige Erfahrung, Regie an staatlichen Theatern sowie in der unabhängigen Szene zu führen, habe sie davon überzeugt, meint Drăgănescu, dass ideale Arbeitsbedingungen nur in einer eigenen Theatergruppe zu verwirklichen seien. Mit einer solchen könne sie nämlich langfristig szenische experimentelle Arbeit betreiben.

Am Schluss noch ein paar Schlüsselwörter, die das Regieprofil von Catinca Drăgănescu umschreiben: Theater des Bewusstseins, Mitgefühl, eine hybride Sprache, Vermittlerin, Schauspieler-Performer, Regisseurin-Autorin, Theater der Zukunft. Sie sind die Attribute einer Künstlerin, für die die Relevanz des Theaters durch die Suche nach der Sprache gerechtfertigt ist, die mit dem Wandel in Mensch und Gesellschaft in Einklang steht.


Aus dem Rumänischen von Irina Wolf

(Auszug aus dem Originaltext in rumänischer Sprache,
Teil des Sammelbandes Teatrul.ro 30-Noi nume/Theatre.ro 30 New Entries)

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