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Wenn das Theater uns alle betrifft

 Wie jedes Jahr versammelte auch heuer das Bukarester Nationaltheaterfestival die
besten Inszenierungen des vorherigen Kalenderjahres. Das vielseitige Programm der
35. Ausgabe der Festspiele, die vom 17. bis 26. Oktober in Bukarest stattfanden, umfasste
vierzig der besten Produktionen aus Rumänien, drei Gastspiele, die Weiterführung
des Bildungsmoduls, Lesungen, Debatten, Ausstellungen,
Buchvorstellungen und Hörspiele.

Von Irina Wolf
(15. 01. 2026)

...



Irina Wolf
irinawolf10 [at] gmail.com

Irina Wolf wurde in
Bukarest geboren. Nach
Abschluss ihres Informatik-
studiums und mehreren
Jobs im Telekommunikations- und Forschungsbereich
wechselte sie 1993 in den
Außenhandelsdienst. Seit
2007 schreibt sie freiberuflich
für mehrere rumänische und
deutschsprachige Kultur-
zeitschriften.



(c) Mihaela Marin

"Richard III."
(Regie:
István Albu)


(c) Andrei Gindac

"Die Unterrichtsstunde"
(Regie: Bobi Pricop
)


(c) Andrei Gindac

"Mary Stuart"
(Regie:
Andrei Şerban)


(c) Florin Biolan

"Gro(o)ve"
(Regie: Radu Afrim
)


(c) Mihaela Marin

"Das Haus zwischen
den Gebäuden
"
(Regie: Radu Afrim
)


(c) Mihaela Marin

"Der Prophet Ilja"
(Regie: Botond Nagy
)

   In schwarzer Lederhose und leicht gebückt geht er auf der Bühne herum. Dann schnappt er sich das Mikrofon und singt Lieder der US-amerikanischen Rockband "The Doors". Richard III. als Rockstar? Weitere acht Künstler – Schauspieler und Musiker zugleich – sind in István Albus origineller Inszenierung von Shakespeares bekanntem Stück auf drei Stockwerken eines roten Gerüsts verteilt, mit dem Erika Márton (Bühnenbild und Kostüme) Ränge, Träume und Orte des Niedergangs symbolisiert. Im Hintergrund schweben Neonleuchten in Form von Kreuzen oder Wolken. Keyboard und Schlagzeug befinden sich im Erdgeschoss, Gitarren und Violine bewegen sich vertikal und horizontal, Saxophon und Trompete sind meist in den oberen Stockwerken zu finden – dort, wo Richard nur schwer klettern kann. Im ersten Stock strahlt der Thron, genauer gesagt: die Toilette. Weiß, makellos. Diese Rockkonzertarena ist zugleich Palast für enthauptete Könige. Zudem wenden sich drei Schauspielerinnen direkt an die Zuschauer und fassen immer wieder Szenen aus Shakespeares Stück zusammen. Sie tanzen, scherzen, erzählen Geschichten, singen, lachen und weinen. Sie stellen die Verbindung zum machtgierigen Richard III. her. Csongor Zsolt Nagy brilliert in der Hauptrolle dieser Produktion der ungarischsprachigen Theatergruppe "Harag György" am Nordtheater in Satu Mare, die erschreckend zeitgemäß wirkt. Völlig zu Recht gewann dieser Richard III. die rumänischen UNITER-Preise 2025 für Beste Produktion und Beste Regie.

Machtkämpfe im Vordergrund

   Kein Wunder, dass Richard III. Teil des Programms des Nationaltheaterfestivals (FNT) 2025 war. Wie jedes Jahr versammelte das FNT die besten Inszenierungen des vorherigen Kalenderjahres. Das vielseitige Programm der 35. Ausgabe der Festspiele, die vom 17. bis 26. Oktober in Bukarest stattfanden, umfasste vierzig der besten Produktionen aus Rumänien, drei Gastspiele (aus der Republik Moldau und Polen), die Weiterführung des Bildungsmoduls, Lesungen, Debatten, Ausstellungen, Buchvorstellungen und Hörspiele. An über zehn Spielorten in der rumänischen Hauptstadt setzte man sich intensiv mit aktuellen Themen, relevanten gesellschaftspolitischen Fragen, dem Heute und dem möglichen Morgen auseinander und schenkte so auf erhellende Art und Weise dem Publikum eine völlig neue Sicht auf die Welt.

Das aus zwei Theaterkritikerinnen und einem Dramatiker bestehende Kuratoren-Team formulierte für 2025 ein außergewöhnliches Motto: "Es geht um dich!" bzw. "Das geht dich an!" (Te priveşte!), eine Devise, die bürgerliche Verantwortung in einem kritischen Moment für die rumänische Gesellschaft vorantrieb und als aktives Bindeglied zwischen Bühne und Publikum, zwischen Vergangenheit und Gegenwart agierte.

   Auch Bobi Pricops Inszenierung von Eugène Ionescos Stück Die Unterrichtsstunde am Nationaltheater Craiova gehörte zu den ausgezeichneten Produktionen. "Familie Ionesco" steht auf dem Namensschild an der Eingangstür. Darunter: "Bitte nicht stören. Hausunterricht läuft". Oana Micu unterstreicht mit ihrem preisgekrönten Bühnenbild – ein Raum ohne Ausgänge, isoliert wie in einer schalldichten Zelle – konsequent die totalitäre Atmosphäre. Auf Karton gezeichnete farbenfrohe 3D-Dekorelemente werden zeitweise in diesen Raum auf dem Boden und an der Decke entlang hineingezogen, und bauen somit jede Unterrichtsphase als Kontrapunkt zur zunehmenden dramatischen Situation spielerisch auf. Die vom Professor in einem Puppentheater aufgeführte Sprachtheorie-Szene unterstreicht noch stärker die Manipulationsmacht, die Eltern über ihre Kinder haben können. Totalitarismus nicht als politische Doktrin, sondern als Ausdruck der Vater-Tochter-Beziehung unter dem Blick einer besorgten, aber machtlosen Mutter ist Bobi Pricops schlüssiges Konstrukt.

Mit sieben Nominierungen konnte Robert Ickes Mary Stuart, inszeniert von Andrei Şerban am Nationaltheater Bukarest, im Programm nicht fehlen. Ickes prägnante Adaption von Friedrich Schillers Stück thematisiert die Beziehung zwischen Mary und Elisabeth I. und konzentriert sich auf eine imaginäre Begegnung der beiden. Şerban verwendet auf seine übliche Weise eine Doppel-Besetzung. Demnach werden die Rollen der beiden Protagonistinnen kurz vor Vorstellungsbeginn durch einen Münzwurf entschieden, was dazu führt, dass zahlreiche Zuschauer mehrmals die Inszenierung besuchen, in der Hoffnung, die jeweils anderen Darstellerinnen zu erleben. Das vom erst kurz verstorbenen Helmut Stürmer geschaffene Bühnenbild suggeriert auf anschauliche Weise den Aufstieg zu einem Thron auf einer Drehscheibe. Allerdings wirken Ton- und Videogestaltung in manchen Szenen redundant und betonen unnötig die Bedeutung einiger Momente, die durch die gute schauspielerische Leistung ohnehin schon verstärkt werden. Die Inszenierung wird noch mehr überfrachtet durch die Ergänzung einer neutralen (und störenden) Frauenstimme, die auf Brechtsche Weise erklärt, was die Figuren denken. Trotz dieser Schwächen kreiert Şerban ein starkes politisches Statement über Feminismus und Machtkampf.

Spiegelbilder der Gegenwart

   Zum ersten Mal hatte das FNT einen assoziierten Künstler, was dem Publikum die Möglichkeit gab, drei aktuelle Inszenierungen von Radu Afrim zu sehen. Der zurzeit originellste und bedeutendste rumänische Theatermacher war zudem Schöpfer der multidisziplinären Eröffnungsperformance Gro(o)ve. Gedacht als einmalige Aufführung, vereinte Gro(o)ve fünf der besten rumänischen und ungarischen Sängerinnen, Jazzmusiker sowie herausragende Schauspieler und Tänzer. Videobilder des tragischen Ukrainekriegs sowie des Alltagslebens von Gastarbeitern in Rumänien, antifaschistische Botschaften und Appelle an die Liebe rundeten Afrims Inszenierung als Spiegelbild der heutigen Welt ab. Konzept, Regie und Musikauswahl stammten alle von ihm. Eine weitere seiner Inszenierungen fand in den 1980er Jahren in Siebenbürgen statt. Das Haus zwischen den Gebäuden ist das Zuhause zweier Schwestern-Hobbymalerinnen – eine Enklave symbolischen Widerstands durch Kunst gegen die repressive kommunistische Ideologie. In einem wunderbaren Bühnenbild widmet Afrim den eigens für die Theatergruppe "Tompa Miklós" des Nationaltheaters Târgu-Mureș verfassten Text seiner ersten Zeichenlehrerin.

Am Nationaltheater in Bukarest inszenierte Regisseur Botond Nagy Tadeusz Słobodzianeks Der Prophet Ilja als Glaubensmanifest. Das Stück aus dem Jahr 1991 rekonstruiert unter anderem Kultszenen des Christentums wie das Letzte Abendmahl, den Weg nach Golgatha und die Kreuzigung. In einem prachtvollen Bühnenbild und mit großartigen Schauspielern exorziert Nagy die Gesellschaft und legt ihren Fanatismus und Obskurantismus, ihre Heuchelei und Weltlichkeit, die das Heilige trivialisiert, frei. Kein Wunder, dass diese Inszenierung in der rumänischen Gesellschaft große Kontroversen auslöste und sogar von der rumänisch-orthodoxen Kirche kritisiert wurde.

   Der russische Regisseur Timofej Kuljabin, der nach Beginn des Ukraine-Krieges sein Land verlassen hat und heute in Berlin lebt, inszenierte am Nationaltheater "Radu Stanca" in Hermannstadt Eines langen Tages Reise in die Nacht. Kuljabin arbeitet immer noch mit seinem Team zusammen, mit dem er seit einem Jahrzehnt Inszenierungen realisiert. So schuf Roman Dolzhanskiy eine zeitgenössische Neuinterpretation von Eugene O’Neills Text, ohne dessen autobiografische Essenz zu verändern. In einem einfachen Hotelzimmer erlebt Edmund Tyrone, ein Alter Ego des Autors, seinen letzten Tag, indem er Momente und Figuren seines Lebens heraufbeschwört. Die modularen Wände des Bühnenbildes erzeugen ständige Zwischenräume, durch die die Geister der Vergangenheit schlüpfen. Ebenen verflechten sich, Stimmen überlagern sich, blaues Licht dringt durch den Nebel der Erinnerung. Am Ende schließen sich die Wände des Hotelzimmers wieder und verengen sichtbar den Horizont dieses letzten Tages, der rasch in ewige Nacht übergeht.

Zu den diesjährigen Höhepunkten des Festivals zählte die Einweihung des ersten privaten Theaters in Rumänien seit 1946. "Grivița53“ wurde von der Regisseurin Chris Simion-Mercurian und ihrem Ehemann Tiberiu Mercurian auf 1.400 Quadratmetern von null mit norwegischen Geldern, Sponsorengeldern privater Unternehmen und Spenden von rund 14.000 Personen errichtet. Grivița53 ist der beste Beweis dafür, dass uns die Veränderung der Welt zum Guten alle etwas angeht. Mehr über dieses moderne Theater, das eine ganz besondere Atmosphäre verströmt und jungen Menschen neue Perspektiven eröffnen soll, kann man hier im Interview mit Tiberiu Mercurian lesen.

 

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