In schwarzer
Lederhose und leicht gebückt geht er auf der Bühne herum. Dann schnappt er
sich das Mikrofon und singt Lieder der US-amerikanischen Rockband "The
Doors". Richard III. als Rockstar? Weitere acht Künstler –
Schauspieler und Musiker zugleich – sind in István Albus origineller
Inszenierung von Shakespeares bekanntem Stück auf drei Stockwerken eines
roten Gerüsts verteilt, mit dem Erika Márton (Bühnenbild und Kostüme) Ränge,
Träume und Orte des Niedergangs symbolisiert. Im Hintergrund schweben
Neonleuchten in Form von Kreuzen oder Wolken. Keyboard und Schlagzeug
befinden sich im Erdgeschoss, Gitarren und Violine bewegen sich vertikal und
horizontal, Saxophon und Trompete sind meist in den oberen Stockwerken zu
finden – dort, wo Richard nur schwer klettern kann. Im ersten Stock strahlt
der Thron, genauer gesagt: die Toilette. Weiß, makellos. Diese
Rockkonzertarena ist zugleich Palast für enthauptete Könige. Zudem wenden
sich drei Schauspielerinnen direkt an die Zuschauer und fassen immer wieder
Szenen aus Shakespeares Stück zusammen. Sie tanzen, scherzen, erzählen
Geschichten, singen, lachen und weinen. Sie stellen die Verbindung zum
machtgierigen Richard III. her. Csongor Zsolt Nagy brilliert in der
Hauptrolle dieser Produktion der ungarischsprachigen Theatergruppe "Harag
György" am Nordtheater in Satu Mare, die erschreckend zeitgemäß wirkt.
Völlig zu Recht gewann dieser Richard III. die rumänischen UNITER-Preise
2025 für Beste Produktion und Beste Regie.
Machtkämpfe im Vordergrund
Kein Wunder,
dass Richard III. Teil des Programms des Nationaltheaterfestivals (FNT) 2025
war. Wie jedes Jahr versammelte das FNT die besten Inszenierungen des
vorherigen Kalenderjahres. Das vielseitige Programm der 35. Ausgabe der
Festspiele, die vom 17. bis 26. Oktober in Bukarest stattfanden, umfasste
vierzig der besten Produktionen aus Rumänien, drei Gastspiele (aus der
Republik Moldau und Polen), die Weiterführung des Bildungsmoduls, Lesungen,
Debatten, Ausstellungen, Buchvorstellungen und Hörspiele. An über zehn
Spielorten in der rumänischen Hauptstadt setzte man sich intensiv mit
aktuellen Themen, relevanten gesellschaftspolitischen Fragen, dem Heute und
dem möglichen Morgen auseinander und schenkte so auf erhellende Art und
Weise dem Publikum eine völlig neue Sicht auf die Welt.
Das aus zwei
Theaterkritikerinnen und einem Dramatiker bestehende Kuratoren-Team
formulierte für 2025 ein außergewöhnliches Motto: "Es geht um dich!" bzw.
"Das geht dich an!" (Te priveşte!), eine Devise, die bürgerliche
Verantwortung in einem kritischen Moment für die rumänische Gesellschaft
vorantrieb und als aktives Bindeglied zwischen Bühne und Publikum, zwischen
Vergangenheit und Gegenwart agierte.
Auch Bobi Pricops Inszenierung von Eugène Ionescos Stück
Die Unterrichtsstunde am Nationaltheater Craiova gehörte zu den
ausgezeichneten Produktionen. "Familie Ionesco" steht auf dem Namensschild
an der Eingangstür. Darunter: "Bitte nicht stören. Hausunterricht läuft".
Oana Micu unterstreicht mit ihrem preisgekrönten Bühnenbild – ein Raum ohne
Ausgänge, isoliert wie in einer schalldichten Zelle – konsequent die
totalitäre Atmosphäre. Auf Karton gezeichnete farbenfrohe 3D-Dekorelemente
werden zeitweise in diesen Raum auf dem Boden und an der Decke entlang
hineingezogen, und bauen somit jede Unterrichtsphase als Kontrapunkt zur
zunehmenden dramatischen Situation spielerisch auf. Die vom Professor in
einem Puppentheater aufgeführte Sprachtheorie-Szene unterstreicht noch
stärker die Manipulationsmacht, die Eltern über ihre Kinder haben können.
Totalitarismus nicht als politische Doktrin, sondern als Ausdruck der
Vater-Tochter-Beziehung unter dem Blick einer besorgten, aber machtlosen
Mutter ist Bobi Pricops schlüssiges Konstrukt.
Mit sieben Nominierungen konnte Robert Ickes Mary
Stuart, inszeniert von Andrei Şerban am Nationaltheater Bukarest, im
Programm nicht fehlen. Ickes prägnante Adaption von Friedrich Schillers
Stück thematisiert die Beziehung zwischen Mary und Elisabeth I. und
konzentriert sich auf eine imaginäre Begegnung der beiden. Şerban verwendet
auf seine übliche Weise eine Doppel-Besetzung. Demnach werden die Rollen der
beiden Protagonistinnen kurz vor Vorstellungsbeginn durch einen Münzwurf
entschieden, was dazu führt, dass zahlreiche Zuschauer mehrmals die
Inszenierung besuchen, in der Hoffnung, die jeweils anderen Darstellerinnen
zu erleben. Das vom erst kurz verstorbenen Helmut Stürmer geschaffene
Bühnenbild suggeriert auf anschauliche Weise den Aufstieg zu einem Thron auf
einer Drehscheibe. Allerdings wirken Ton- und Videogestaltung in manchen
Szenen redundant und betonen unnötig die Bedeutung einiger Momente, die
durch die gute schauspielerische Leistung ohnehin schon verstärkt werden.
Die Inszenierung wird noch mehr überfrachtet durch die Ergänzung einer
neutralen (und störenden) Frauenstimme, die auf Brechtsche Weise erklärt, was
die Figuren denken. Trotz dieser Schwächen kreiert Şerban ein starkes
politisches Statement über Feminismus und Machtkampf.
Spiegelbilder der Gegenwart
Zum ersten Mal
hatte das FNT einen assoziierten Künstler, was dem Publikum die Möglichkeit
gab, drei aktuelle Inszenierungen von Radu Afrim zu sehen. Der zurzeit
originellste und bedeutendste rumänische Theatermacher war zudem Schöpfer
der multidisziplinären Eröffnungsperformance Gro(o)ve. Gedacht als
einmalige Aufführung, vereinte Gro(o)ve fünf der besten rumänischen
und ungarischen Sängerinnen, Jazzmusiker sowie herausragende Schauspieler
und Tänzer. Videobilder des tragischen Ukrainekriegs sowie des
Alltagslebens von Gastarbeitern in Rumänien, antifaschistische Botschaften
und Appelle an die Liebe rundeten Afrims Inszenierung als Spiegelbild der
heutigen Welt ab. Konzept, Regie und Musikauswahl stammten alle von ihm.
Eine weitere seiner Inszenierungen fand in den 1980er Jahren in Siebenbürgen
statt. Das Haus zwischen den Gebäuden ist das Zuhause zweier
Schwestern-Hobbymalerinnen – eine Enklave symbolischen Widerstands durch
Kunst gegen die repressive kommunistische Ideologie. In einem wunderbaren
Bühnenbild widmet Afrim den eigens für die Theatergruppe "Tompa Miklós" des
Nationaltheaters Târgu-Mureș verfassten Text seiner ersten Zeichenlehrerin.
Am Nationaltheater in Bukarest inszenierte Regisseur
Botond Nagy Tadeusz Słobodzianeks Der Prophet Ilja als
Glaubensmanifest. Das Stück aus dem Jahr 1991 rekonstruiert unter anderem
Kultszenen des Christentums wie das Letzte Abendmahl, den Weg nach Golgatha
und die Kreuzigung. In einem prachtvollen Bühnenbild und mit großartigen
Schauspielern exorziert Nagy die Gesellschaft und legt ihren Fanatismus und
Obskurantismus, ihre Heuchelei und Weltlichkeit, die das Heilige
trivialisiert, frei. Kein Wunder, dass diese Inszenierung in der rumänischen
Gesellschaft große Kontroversen auslöste und sogar von der
rumänisch-orthodoxen Kirche kritisiert wurde.
Der russische
Regisseur Timofej Kuljabin, der nach Beginn des Ukraine-Krieges sein Land
verlassen hat und heute in Berlin lebt, inszenierte am Nationaltheater "Radu
Stanca" in Hermannstadt Eines langen Tages Reise in die Nacht.
Kuljabin arbeitet immer noch mit seinem Team zusammen, mit dem er seit einem
Jahrzehnt Inszenierungen realisiert. So schuf Roman Dolzhanskiy eine
zeitgenössische Neuinterpretation von Eugene O’Neills Text, ohne dessen
autobiografische Essenz zu verändern. In einem einfachen Hotelzimmer erlebt
Edmund Tyrone, ein Alter Ego des Autors, seinen letzten Tag, indem er
Momente und Figuren seines Lebens heraufbeschwört. Die modularen Wände des
Bühnenbildes erzeugen ständige Zwischenräume, durch die die Geister der
Vergangenheit schlüpfen. Ebenen verflechten sich, Stimmen überlagern sich,
blaues Licht dringt durch den Nebel der Erinnerung. Am Ende schließen
sich die Wände des Hotelzimmers wieder und verengen sichtbar den Horizont
dieses letzten Tages, der rasch in ewige Nacht übergeht.
Zu den diesjährigen Höhepunkten des Festivals zählte die
Einweihung des ersten privaten Theaters in Rumänien seit 1946. "Grivița53“
wurde von der Regisseurin Chris Simion-Mercurian und ihrem Ehemann Tiberiu
Mercurian auf 1.400 Quadratmetern von null mit norwegischen Geldern,
Sponsorengeldern privater Unternehmen und Spenden von rund 14.000 Personen
errichtet. Grivița53 ist der beste Beweis dafür, dass uns die Veränderung
der Welt zum Guten alle etwas angeht. Mehr über dieses moderne Theater, das
eine ganz besondere Atmosphäre verströmt und jungen Menschen neue
Perspektiven eröffnen soll, kann man
hier im Interview mit Tiberiu Mercurian
lesen.