Schon beim
Betreten des Saals bemerke ich die riesigen Masken in den Logen: Marx und
Engels links, Lenin rechts von der Bühne. Das passt sehr gut zum Titel der
Aufführung: Marx'
Kapital. Die opulente Produktion des Nationaltheaters Budapest wurde von
einer Welle der Kritik begleitet, da mehrere Menschen, darunter auch der
Leiter des Instituts für Kommunismusforschung, davon überzeugt waren, dass
sie die marxistische Ideologie verherrlichen würde. Ganz im Gegenteil:
Attila Vidnyánszkys Inszenierung ist eine Anklage gegen den Kommunismus. Sie
lädt den Zuschauer ein, über die Auswirkungen der von Marx propagierten
Ideen nachzudenken.
Der gemeinsam mit der Dramatikerin Réka Szabó verfasste
Text zitiert auch aus Marx’ Briefwechsel mit Engels, aus den Reden Lenins
und Stalins und sogar aus der Bibel. Auf den ersten Blick erscheint die
Inszenierung eindeutig: Wir befinden uns in einem Prozesssaal. Die
Angeklagten sind Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mátyás Rákosi –
kommunistischer Führer Ungarns von 1948 bis 1956. Wir, das Publikum, bilden
die Jury. Im rot-schwarzen Bühnenbild, das an ein antikes griechisches
Theater erinnert, sitzen Verteidiger und Staatsanwalt. Letzterer fragt zu
Beginn der Aufführung, ob im Saal Proletarier, Oligarchen, Ausgebeutete oder
Prostituierte befinden. Das Publikum lacht, macht aber mit: Einige Zuschauer
heben die Hände.
Es handelt sich
jedoch um einen ungewöhnlichen Prozess. Die vielschichtige Inszenierung
greift ebenfalls Elemente aus dem Theaterstück "Agón" des Komponisten und
Philosophen Péter Pál Józsa auf, das den spirituellen Kampf der Menschheit
auf der Suche nach Sinn und Erlösung schildert. Die dargestellte Geschichte,
in der sich auch Passagen aus dem Johannesevangelium wiederfinden, tendiert
zunehmend zur religiösen Dimension. Das Brechen der sieben Siegel, das den
vom Lamm Gottes ausgelösten Beginn apokalyptischer Ereignisse markiert, wird
von einem kleinen Mädchen in einem weißen Kleid verkündet.
Die Überflutung mit visuellen Reizen erschwert die
Verarbeitung des erheblichen Textumfangs. Auf der Bühne befinden sich unter
anderem Geldbündel, ein in ein schwarzes Leichentuch gehülltes Lamm, ein
Klavier, das von der Decke hängt. Zahlreiche Persönlichkeiten des 19.
Jahrhunderts werden per Videoprojektion zitiert. Mao Zedong, Breschnew,
Ceaușescu und andere Diktatoren, die aus Marx' Ideen hervorgingen, sind als
Matrjoschka-Puppen verkörpert. Ein Live-Orchester – mit einem Kind als
Schlagzeuger – vervollständigt das Bühnengeschehen. Rote Bänder werden ins
Publikum geworfen. Die schauspielerische Leistung ist makellos, doch nach
einer Weile kann der Zuschauer leicht den Faden verlieren.
Trotz der
sorgfältig skizzierten Ausgangslage bricht die fast vierstündige Aufführung
im Laufe des Abends ihre eigenen Regeln. Verweise auf den Einfluss von Marx’
Werk auf die Gegenwart lassen nicht lange auf sich warten: Die
Terroranschläge vom 11. September in New York, Fake News und die exzessive
Globalisierung werden erwähnt. An einer Stelle trägt der Staatsanwalt eine
MAGA-Kappe und spricht wie Donald Trump. Lenin und Stalin machen oft Selfies
mit Jugendlichen, und das Foto wird im Hintergrund auf eine Leinwand
projiziert. Gegen Ende erscheint Adolf Hitler an der Rampe. Der heilige
Johannes scheint besiegt zu sein: Er hängt schief von der Decke. Auf der
Bühne bricht die Hölle los: In Frauenkleidern, mit teuflischen Schwänzen,
singt und tanzt das Quintett der Angeklagten inmitten von
Maschinengewehrgeräuschen und Panzerbildern. Am Ende wird das Urteil Jesus
Christus anvertraut.
"Das Werk des deutschen Philosophen ist im Grunde nur ein
Vorwand, um Bilanz über die Ursprünge von Prinzipien zu ziehen, die heute
oft unhinterfragt bleiben und soziale Phänomene wie Cancel Culture oder
Wokeness hervorbringen", sagt der Schöpfer dieser spektakulären
Inszenierung.
Reflexionen über zwischenmenschliche Beziehungen
Marx' Kapital
war Teil der 13. Ausgabe des Theaterfestivals MITEM (Madách International
Theatre Meeting), das vom 10. April bis zum 11. Mai stattfand. Seit seiner
Gründung im Jahr 2014 hat sich MITEM als Plattform für den Dialog zwischen
Theatertraditionen und ästhetischen Ansätzen etabliert. Die diesjährigen
Festspiele wurden mit Shakespeares Richard III. in der Regie von
István Albu (Rumänien) eröffnet und ebenfalls mit Richard III.,
inszeniert von Itay Tiran (Israel), beendet. Das Konzept "Von Richard zu
Richard" war nicht nur eine kuratorische Geste, sondern auch eine Reflexion
über das gegenwärtige "Europa im Ausnahmezustand". Das Programm umfasste
unter anderem Werke von Sophokles, Molière, Voltaire, Gogol und Tschechow.
Eines der kennzeichnenden Merkmale von MITEM ist die
geografische Vielfalt. Produktionen aus Paris, Barcelona, Antwerpen, Tiflis,
Zakopane, Belgrad, Bukarest, Plovdiv, Skopje und Leeuwarden standen auf dem
Programm. Die Ukraine war durch Gogols Der Staatsinspektor – Ревізор,
eine Koproduktion des Nationaltheaters Budapest und des Ungarischen
Transkarpatischen Regionaltheaters Berehowe (Regie: Attila Vidnyánszky Jr.)
vertreten. Russland hingegen wurde durch tatarische Institutionen
repräsentiert. Herz meiner Seele war Teil der den ethnischen und
sprachlichen Minderheiten gewidmeten MITEM-Sektion.
Der Titel der
Produktion des Tatarischen Staatlichen Akademischen Theaters Galiasgar-Kamal
in Kasan bezieht sich auf Tschechows Anrede in seinen Briefen an Lydia
Misinowa, auch Lika genannt. Es ist bekannt, dass die Handlung seines
Theaterstücks "Die Möwe" auf Ereignissen aus Likas Leben basiert. Beide
lernten sich 1889 kennen. Er war 29, sie 19 Jahre alt. Ihre Freundschaft
spiegelte sich in einem Briefwechsel wider, der der Nachwelt immer wieder
Anlass gab, über die wahren Gefühle, die sie verbanden, zu spekulieren. Das
von Farid Bikchantaev inszenierte Stück basiert auf diesem Briefwechsel, der
von 14 jungen Schauspielern in eine ironische und humorvolle Geschichte über
die Vergänglichkeit des Glücks verwandelt wird. Es handelt sich um eine
Abschlussaufführung der Schauspielstudierenden, die ins Repertoire des
Theaters aufgenommen wurde. Sieben identisch gekleidete Männer sind
Tschechow. Weitere sieben Frauen verkörpern Lika. Die Kälte des russischen
Winters wird raffiniert durch Mäntel und Jacken dargestellt, die Lika
zeitweise fast erdrücken. Die Inszenierung ist temporeich, gut strukturiert.
Schauspieler und Musik tragen zur Erschaffung einer lebendigen Bühnensprache
bei.
Im Rahmen der serbisch-ungarischen Kultursaison wurde das
psychologische Familiendrama Das Aquarium gezeigt. Das Stück der
jungen Autorin Nina Plavanjac, die auch Regie am Nationaltheater Subotica
führte, erzählt von drei Frauengenerationen, die negative Lebenswerte von
Mutter zu Tochter weitergeben. Sie werden von ihren Ehemännern verlassen und
sind dazu verdammt, ihre Kinder alleine großzuziehen. Die Jüngste versucht
mit diesem Erbe zu brechen, indem sie ins Ausland geht und nicht heiratet,
dafür aber eine Beziehung mit einem verheirateten Mann eingeht, der zugleich
ihr Vorgesetzter ist. Gezwungen in ihre Elternwohnung zurückzukehren,
nachdem ihre an Demenz erkrankte Mutter aus dem Pflegeheim entlassen wurde,
konfrontieren Tochter und Mutter nach Jahren des Schweigens einander.
Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen in Nina Plavanjacs Inszenierung auf
harmonische Weise ineinander. Auf der Bühne befindet sich ein Kubus mit
transparenten Wänden, in dem die beiden miteinander in Dialog treten.
Draußen spuken Geister der Vergangenheit: die Pflegerin aus dem Pflegeheim
(die auch die Rolle der Großmutter übernimmt), der an Alkoholismus
verstorbene Ehemann und eine weitere vermisste Tochter. Als die Mutter
zusammenbricht, bewegen sich zwei gegenüberliegende Wände des Kubus nach
innen, als würden sie die beiden Frauen zerdrücken. Die Mutter schließt sich
den Geistern an. Die Tochter bleibt alleine im nun dunklen Raum zurück.
Fische, die in alle Richtungen schwimmen, werden an die Wände projiziert.
Das Erbe scheint gebrochen, die Harmonie des Lebens wiederhergestellt.
Ein Meisterwerk über Vielfalt und Identität
Unter den 26
Aufführungen von 21 Theatern aus 15 Ländern befanden sich auch solche, in
denen Körper und Rhythmus im Vordergrund standen. Als prägnantes Beispiel
dafür griff Pinocchio. Was ist eine Person?, präsentiert vom Teatro
di Napoli und Interno5 aus Neapel, eine der zentralen Fragen des Festivals
auf: Was bedeutet es heute, nach den Katastrophen der letzten Jahrhunderte,
Mensch zu sein? In dem von Davide Iodice dramatisierten und inszenierten
Werk wird Carlo Collodis Geschichte als Spiegel der heutigen Gesellschaft
neu interpretiert.
Iodice wirft mit seiner ungewöhnlichen Performance viele
Fragen auf. Die Protagonisten auf der leeren Bühne sind junge Menschen mit
zahlreichen Neurodiversitäten: Down-Syndrom, Autismus-Spektrum-Störung,
Williams- oder Asperger-Syndrom. Sie werden von Gestalten mit Esel-,
Kaninchen- oder Fuchsmasken begleitet. Ein großes Kreuz mit darauf
festgenagelten Büchern über Vorurteile und Diskriminierung wird von einer
sprechenden Grille getragen, die unter der Last fast zusammenbricht. Aus
einem Tanzkreis treten nacheinander Eltern-Kind-Paare auf und stellen sich
dem Publikum vor. Die Eltern setzen dann ihrem geliebten Kind eine
"Pinocchio"-Nase auf. Einer dieser Pinocchios kann nicht laufen, ein anderer
träumt von einer Freundin, einem Führerschein oder einem Theater nur für
ihn. Schon beim ersten Wortwechsel entfacht sich Magie wie ein Funke aus dem
Zauberstab einer Blauen Fee. Zwischen Holzscheiten und Kerzen, traumhaften
Prozessionen von Müttern und Feen, erzählt diese mitreißende Inszenierung
die Geschichte der berühmtesten Puppe der Welt. Und sie tut dies aus der
Perspektive derer, die am meisten leiden. Pinocchio. Was ist eine Person?
enthüllt das Potenzial des Körpers als einzigartiges Erzähl-Instrument.
MITEM stellte
unterschiedliche Handschriften der beteiligten Künstler vor und machte
zugleich die Vielfalt künstlerischer Positionen, die heute in Europa aktiv
sind, sichtbar. Das kuratorische Konzept verband die einzelnen Arbeiten
außerdem zu einem gemeinsamen Raum, in dem sie miteinander in Dialog traten.
Dadurch entstanden ganz neue inhaltliche Bezüge. Ob in dokumentarischem
Theater oder körperbetonten Performances – immer ging es um die Frage, wie
wir die Welt wahrnehmen, wie Zeit sichtbar wird und wie sich Räume verändern
oder neu denken lassen.