Das vom
Theaterkritiker Ivan Medenica kuratierte Programm wurde im Nationaltheater
von Montenegro (MNT) in der Hauptstadt Podgorica mit der Produktion Die
Kehrseite eröffnet. Das von Boris Liješević dramatisierte und
inszenierte Theaterprojekt basiert auf von den Schauspielern selbst
beigesteuertem Material. Der für seine dokumentarischen Theaterarbeiten
bekannte Künstler untersucht darin die Verbindungen zwischen politischer
Elite und Mafia, Drogenhandel und umstrittenen Immobilienprojekten. Der
dichte Text und die makellose schauspielerische Leistung führten uns ein in die
dunkelsten Seiten des Zusammenspiels von Unterwelt, Justiz, Polizei und
Medizin in Montenegro. Wenn ich an der Inszenierung etwas auszusetzen
hätte, dann wäre es das Fehlen jeglicher Hoffnung. Kein Wunder, dass diese
Produktion auf Tourneen im ehemaligen Jugoslawien große Erfolge feierte und
zahlreiche Preise gewann.
Die im MNT-Studiosaal gezeigte Inszenierung Tod in
Dubrovnik thematisierte eines der dunkelsten Kapitel der
montenegrinischen Geschichte: die Beteiligung an Kriegsverbrechen Anfang der
1990er-Jahre auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien, als die
montenegrinische Politik eng mit der des serbischen Präsidenten Slobodan
Milošević verknüpft war.
Die Produktion des seit zwanzig Jahren bestehenden
unabhängigen Theaterstudios "Prazan Postor" aus Podgorica entstand in
Zusammenarbeit mit Action for Human Rights und basiert auf dreißig
Interviews sowie Archivmaterial. Das über drei Jahre entwickelte Werk in der
Regie von Petar Pejaković gleicht einem experimentellen Labor: Während die
fünf Schauspieler uns in die Ereignisse einführen, bereiten sie ein stark
nach Knoblauch riechendes Gericht zu. Was zunächst wie ein harmloses Spiel
wirkt, artet allmählich in einen tragischen Konflikt aus. Die Regie-Idee,
Kämpfe auf einer Vielzahl von auf dem Bühnenboden verstreuten Orangen
darzustellen, die die Schauspieler mit ihren Füßen zertreten, fand ich sehr
originell. Somit steht nicht nur das visuelle Erfahren im Zentrum, sondern
auch das olfaktorische Erleben. Die einzige Schauspielerin greift erst am
Ende ein, als von dieser weiblichen Präsenz, die den Lebensbaum während der
gesamten Aufführung in ihren Armen trägt, die Hoffnung auf eine Welt ohne
Gewalt auszugehen scheint.
Stellung der Frau, zwischen Marginalisierung und
Emanzipation
Zurück im großen Saal des Nationaltheaters von Montenegro
erlebten wir eine radikale Medea-Modernisierung des slowenischen Regisseurs
Diego de Brea. Ausgehend von Euripides’ Tragödie verknüpft Der Fall Medea
verschiedene Texte. Im Fokus dieser Koproduktion des MNTs und des
Kulturzentrums Bar steht die obsessive Liebe. Trotz einiger visueller und
akustischer Regie-Übertreibungen gebührt der Erfolg der Aufführung allein
der Hauptdarstellerin Nada Vukčević, die die Bühne mit jeder Bewegung und
jedem Gesichtsausdruck beherrscht.
Das 1953 gegründete Nationaltheater
Montenegros bietet neben Schauspiel auch Konzerte, Opern- und
Tanzaufführungen an. So überraschte es nicht, dass die Tanzperformance
Wann wird es enden? auf dem Programm stand. Die Koproduktion der
zeitgenössischen Tanzgruppe Ballo und des Nationaltheaters zeigte
schwerwiegende Themen wie Femizid und häusliche Gewalt. Die
Schauspielerin Julija Milačić Petrović Njegoš und die Choreografin Tamara
Vujošević-Mandić zeichneten gekonnt, gemeinsam mit fünf jungen
professionellen Schauspielern und einer Ballerina, einen dramatischen Bogen
von globaler bis hin zu intimer Gewalt gegenüber Frauen. Die Vorstellung der
im Jahr 2000 als Nichtregierungsorganisation gegründeten Tanzgruppe Ballo
ist umso bemerkenswerter, zumal es in Montenegro keine institutionelle
Ausbildung im zeitgenössischen Tanzbereich gibt. Die Unterstützung dieses
Projekts durch das Nationaltheater Montenegros ist daher umso bedeutsamer.
Viele andere Produktionen haben die Stellung der Frau in
der Gesellschaft, sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart,
angesprochen. Das Monodrama Elena von Savoyen bot ein außergewöhnlich
reflektiertes und leidenschaftliches Geständnis der Gemahlin Viktor Emanuels
III. von Italien und Tochter von König Nikola I. Petrović Njegoš, der als
Gründer des modernen montenegrinischen Staates gilt. Marija Saraps Text
vermittelt eindrücklich die innere Unruhe der jungen Frau, die gezwungen
wird zu heiraten, um die Staatsinteressen ihres Vaters zu befriedigen. Musik
und hervorragende Schauspielkunst verschmolzen harmonisch in
dieser Produktion des freien Theaters Korifej aus Kolašin (Regie: Zoran
Rakočević).
In der Hauptstadt Podgorica entdeckte ich außerdem ein
Stadttheater, das sein 75-jähriges Bestehen feierte. Der Polylog Das
Unkraut der Autorin Mirjana Medojević verwob gekonnt Geschichten über
sieben Frauen, die am Vorabend des Internationalen Frauentags in einem
Keller Blumensträuße binden, wobei die Illusion des bevorstehenden Feiertags
und die wirtschaftliche Unsicherheit, in der diese Frauen leben, ironisch
gegenübergestellt werden. Die Inszenierung von Mirko Radonjić, einer der
bedeutendsten Künstler des zeitgenössischen montenegrinischen Theaters,
beginnt vielversprechend: Auf der Bühne prangt der Vorderteil eines in zwei
Hälften geschnittenen Autos. Wirkungsvoll sind die blumigen Kostüme der
sieben Schauspielerinnen. Trotz des lobenswerten Anliegens, die Rolle der
Frau in der Gesellschaft aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten,
wiederholt die Inszenierung zu viele Klischees und Vorurteile, darunter die
Behauptung, gewalttätige Ehemänner hätten türkische Wurzeln. Da die Premiere
nur einen Tag vor der Vorstellung im Rahmen des Showcases stattfand, war die
Produktion des Stadttheaters dennoch ein besonderes Ereignis.
In der alten Hauptstadt und an der Adriaküste
Basierend auf einer Fernsehserie aus den 1980er-Jahren,
setzte sich eine zweite Inszenierung desselben Regisseurs, diesmal in der
ehemaligen Hauptstadt Cetinje, mit der sozialen Stellung der Frau in
ländlichen Gebieten Montenegros auseinander. Gezeigt in der ältesten
Institution des Landes, im 1884 gegründeten Königlichen Theater "Zetski
dom", verband Đekna auf organische Weise Erzählung, Objekte, Schatten
und Bewegung, und erwies sich als deutliche Kritik an der patriarchalischen
Welt.
Eine der interessantesten Produktionen war Der Fall Virdžina.
Geschrieben von Stela Mišković und inszeniert von Dora Ruždaj Podolski aus
Kroatien, thematisierte dieses Stationentheater durch das Gebäude des
Königlichen Theaters "Zetski dom" in Cetinje ein für die Regionen des
westlichen Balkans charakteristisches Phänomen: Eine "Virdžina“ war ein
Mädchen, das auf Wunsch der Familie, oft mangels eines männlichen Erben, in
jungen Jahren eine männliche Identität annahm, sich zur Ehelosigkeit
verpflichtete, Männerkleidung trug und schwere körperliche Arbeit
verrichtete. Die letzte "Virdžina“ Montenegros, die in der Inszenierung per
Video zugeschaltet wird, starb vor zehn Jahren.
Fester Sprachrhythmus prägt Jon Fosses Stück Heiß,
das in einem Hotelzimmer in Budva, der "Perle der Adria" und Montenegros
Touristenhauptstadt, aufgeführt wurde. Filip Grinvalds Inszenierung umfasste
einen Musiker, zwei Schauspieler und eine Schauspielerin, die zum
Theaterkollektiv L.O.F.T. (Location of the Freedom Theatre) gehören. Die
Wahl dieses Stücks über drei in Zeit und Raum gefangene Menschen passt
hervorragend zu dieser unabhängigen Theatergruppe, die sich aus
professionellen Schauspielern aus Russland zusammensetzt, die nach Budva
emigriert sind. Der Showcase endete im Kulturzentrum der Küstenstadt Tivat
mit der Musical-Komödie Contra Mundum, die auf der Biografie von
Salvador Dalí basiert.
Das äußerst abwechslungsreiche Programm, das sowohl
Produktionen staatlicher als auch freier Theater sowie eine zeitgenössische
Tanzperformance umfasste, wurde mit Unterstützung des montenegrinischen
Ministeriums für Kultur und Medien realisiert. Im Rahmen der Feierlichkeiten
zum zwanzigsten Jahrestag der Wiedererlangung der Unabhängigkeit Montenegros
am 21. Mai unterstrich der Showcase die Bedeutung, die der Kultur und
insbesondere dem Theater in dem kleinen Balkanland beigemessen wird.