Vom 23. bis 30. März wurden acht formal und thematisch
verschiedenartige Produktionen aus dem aktuellen Repertoire beider Theater
mit Übertiteln in zwei Sprachen in den Vordergrund gestellt. Die
abwechselnde Programmgestaltung an einem Abend im rumänischen und am
nächsten im ungarischen Theater ermöglichte den zahlreichen ausländischen
Gästen, ein umfassendes kulturelles Bild der Stadt und der Region zu
gewinnen.
Zweimal Radu Afrim
Der letzte
Sommer des Friedens passt perfekt in unsere von Hass, Populismus und
Krieg geprägte Welt. Ausgangsidee der TAM-Produktion war die im November
2024 umstrittene rumänische Präsidentschaftswahl. Die jungen Menschen in
Radu Afrims Inszenierung (der auch für Text und Sound-Design verantwortlich
zeichnet) werden von Ängsten um den Wahlausgang und die Zukunft Europas
geplagt. In der Abgeschiedenheit eines Waldes erinnern sie sich an die
Vergangenheit und versuchen zu verstehen, welche Bedeutung Freundschaft in
einer zunehmend polarisierten Welt noch hat. In Rumänien für seine
poetischen Arbeiten beliebt, zeichnet Afrim das Bild einer Generation, die
zwischen zerbrochenen Idealen und einem tiefen Bedürfnis nach Menschlichem
gefangen ist. Ein kleines, erhöhtes Holzpodest; einziges Möbel: ein Sofa. Im
Hintergrund eine Waldlichtung (Bühnenbild: Irina Moscu). Voll Tempo und
Körperlichkeit zeigt sich die bis ins Detail durchdachte Inszenierung. Das
Spiel der jungen, fest zusammengewachsenen TAM-Theatergruppe nimmt den
Zuschauer auf eine wilde Reise durch die Gegenwart mit.
Ganz anders Radu Afrims Werk bei TASZ. Gemeinschaft.
Eine Szekler Öko-Romanze erzählt vom Musiker Huba, der allein in einem
großen Haus mitten im Wald lebt. Seine geliebte Tante ist vor langer Zeit
gestorben; die im letzten Winter erfrorenen Hühner sind still. Huba schmiert
seine rheumatischen Finger mit allerlei Cremes ein und starrt während der
schlaflosen Nächte oft an die Decke. Sein Herz lässt es nicht zu, dass er
die Villa, die er nicht mehr unterhalten kann, verkauft. Deshalb vermietet
er mehrere Zimmer an alle möglichen Gestalten, manche skurriler als andere.
Nach einigen bizarren Ereignissen – die Seele der verstorbenen Tante
geistert ab und zu durch die Räumlichkeiten – entsteht im Haus eine
Gemeinschaft. Und genau dann taucht eine Frau auf, die das Haus abreißen
lassen will, um stattdessen ein Einkaufszentrum zu bauen. Alle Mieter und
der Besitzer würden auf der Straße landen. Mit viel Gefühl und Humor
thematisiert Radu Afrim verschiedene für die Szeklerregion typische
Probleme, unter anderem Armut und Bärenproblematik.
Ungarische Theater- und Tanzabende
Eine
Koproduktion des TASZ mit dem Figura Stúdió aus Gheorgheni – einer Stadt im
Osten Siebenbürgens – brachte Eugène Ionescos berühmtes Stück Die
Nashörner auf die Bühne. Regisseur László Bocsárdi platziert das
Geschehen auf einem Laufsteg, auf dessen beiden Seiten die Zuschauer sitzen.
Der Abend ist wie ein Fiebertraum. Mit Worten geht man eher sparsam um.
Dafür sind die surrealen Bilder, das beeindruckende Licht- und Schattenspiel
und die dauerhaft düstere Tonkulisse umso wirkungsvoller, wenn es darum
geht, eine Atmosphäre der Angst zu erzeugen. Die Produktion bezieht ihre
Kraft vor allem aus dem Einsatz der Schauspieler – sechs aus Gheorgheni und
acht aus Sankt Georgen. In präziser Zusammenarbeit wird die latente Gefahr
der Entmenschlichung vorgeführt. Nicht umsonst wurden der Protagonist
Behringer und sein Kollege Hans für die diesjährigen UNITER-Preise
nominiert.
Außer dem ungarischen Sprechtheater gibt es in Sankt
Georgen noch zwei Tanzgruppen sowie ein Puppentheater. Als außergewöhnlich
erwies sich die Tanzvorstellung Dirty Dancing. Es ist die erste
Zusammenarbeit des polnischen Choreografen Eryk Makohon mit dem M-Studio,
einer Sektion von TASZ, die 2005 als "experimentelle
Bewegungstheaterwerkstatt" ins Leben gerufen wurde. Trotz des
offensichtlichen Bezugs zum Titel des Filmklassikers von 1987 ist die
Performance keine Neuinterpretation. Vielmehr ist sie eine eigenständige und
radikale Auseinandersetzung mit dem Tanzkonzept als Metapher für (soziale)
Grenzüberschreitungen, indem das politische Potenzial peinlicher
Darbietungen als Strategie des Widerstands gegen gesellschaftliche Normen
und Zwänge erforscht wird. Der kurzweilige Abend besticht durch klug
ausgewählte Musik und eine mitreißende Choreografie, nicht zuletzt durch den
brillanten Auftritt des Tanzquartetts. Letztendlich brachte die
Volkstanzgruppe Háromszék mit Sonnenuntergang eine Hommage an mehrere
ihrer verstorbenen Mitglieder.
Höhepunkte in der Tabakfabrik
Neben den zwei
Theaterhäusern verfügt Sankt Georgen noch über die riesigen Hallen der 2010
stillgelegten Zigarettenfabrik, die sich zu einem regelrechten Kulturzentrum
entwickelt hat. Im ersten Stock konnte man gleich zwei Ausstellungen
besuchen: Zum einen eine über Modelleisenbahnen zum Gedenken an Szeles
József (Dodi), einem international bekannten Eisenbahnrestaurator und
-modellbauer, zum anderen "Gustav Klimt und die Künstler-Compagnie in
Peleș". Die auf Initiative des Österreichischen Kulturforums realisierte und
von Dr. Antonela Corban kuratierte Ausstellung bot einen Einblick in das
künstlerische Schaffen des berühmten österreichischen Malers und
präsentierte in großformatigen Abbildungen die Werke, die im Schloss Peleș –
der ehemaligen Sommerresidenz der Könige von Rumänien in Sinaia bei
Kronstadt – von Gustav Klimt, zusammen mit seinen Mitarbeitern Ernst Klimt
und Franz Matsch gemalt wurden. Einen Stock höher enthüllte das immersive
Installationsprojekt der Architektin Rab Sarolta "Tief im Wald" mittels
abstrakter Zeichnungen, Baumstammteilen und künstlicher Intelligenz einen
überraschenden Dialog zwischen Natur- und Kulturlandschaft.
Traurig und fröhlich ist das Giraffenleben war mein
absolutes Highlight des Showcases. Tiago Rodrigues erzählt in seinem Stück
die Geschichte eines neun Jahre alten Mädchens, das zu groß für sein Alter
ist und deshalb von seiner Mutter "Giraffe" genannt wird. Zusammen mit ihrem
(leicht suizidalen) Teddybären Judy Garland versucht sie in einer Großstadt
einen Menschen zu finden, der es ihnen ermöglichen kann, eine Bank
auszurauben. Denn Giraffe braucht Geld für den Discovery Channel, Geld, das
ihr arbeitsloser Vater nicht hat. So streifen die beiden auf ihrer Suche
durch die Straßen einer Stadt, in der die Wirtschaftskrise herrscht, in der
Gefahren lauern und seltsame Gestalten unterwegs sind. Sie treffen einen
schwarzen Panther (der sie vor Pädophilen warnt), einen desillusionierten
Bankangestellten und schließlich den russischen Schriftsteller Anton
Tschechow (Judy Garlands großes Vorbild!). Nicholas Cațianis gibt mit der
Inszenierung von Tiago Rodrigues' kraftvollem und poetischem Text sein Debüt
als Regisseur. Cațianis' Fokus (er selbst ist Schauspieler) liegt auf
intensiver Probenarbeit und detaillierter Ausarbeitung der
schauspielerischen Leistung. Die vier in schlichten grauen Hosen und braunen
T-Shirts gleich angezogenen Schauspieler, die eine gewaltige Menge an Text
zu bewältigen haben, bewegen sich des Öfteren wie Charaktere aus
Videospielen. Geschickt hebt der Regisseur die Geschichte durch Animationen
hervor, die auf zwei riesigen Bildschirmen, die die Bühne flankieren,
gezeigt werden. Gut einstudierte Choreografie, das reizende weiße Kostüm des
Teddybären Judy Garland und ein harmonisch abgestimmtes Ensemble sind
weitere Merkmale dieser bemerkenswerten Inszenierung.
Darüber hinaus
umfasste das Festivalprogramm tägliche, äußerst interessante
Publikumsgespräche, die den direkten Austausch zwischen Theaterschaffenden
und Zuschauern förderten. Durch die Vielfalt der künstlerischen Angebote und
die Nutzung verschiedener Kulturräume trug das "Sepsi Theatre Showcase" dazu
bei, das kulturelle Profil von Sankt Georgen zu schärfen und den regionalen
künstlerischen Dialog bereichern.