Das Boot
gleitet leicht und schnell über das Wasser. Wir lassen links das Ospedale
"SS. Giovanni e Paolo" und rechts San Michele liegen, die Insel, auf der
sich der gleichnamige Friedhof von Venedig befindet. Als wir an der
Haltestelle "Tre Archi" aussteigen, befinden wir uns im von Touristen eher
selten besuchten venezianischen Viertel Cannareggio, direkt vor dem
Pflegeheim Casa di Riposo San Giobbe. Hier gewährt Davide Iodices
Performance Promemoria
Einblicke in den Alltag der Pflegebedürftigen.
Doch es wäre zu kurz gegriffen, Iodices Werk als
Performance zu bezeichnen; es ist ein gemeinsames Erlebnis für rund dreißig
Personen. Das Projekt entstand am Ende des 2025 in Senioreneinrichtungen
ausgeführten Intensiv-Workshops "Enzyklopädie der Emotionen". Schon der
Titel führt uns auf einen Zeitpfad in die Welt des Vergessens. Im Pflegeheim
hängen überall Zettel mit den Namen der Gegenstände. Auch wir werden
gebeten, unsere Namen auf Post-its zu notieren. Der neapolitanische
Regisseur Davide Iodice nutzt diese Technik, um uns in Gespräche mit den
Bewohnern zu verwickeln. Junge Betreuerinnen, die wie Krankenschwestern
aussehen, sprechen uns mit Namen an, teilen uns in Zehnergruppen ein und
geleiten uns durch die Korridore und die Treppen hinauf.
In einem
"Speisesaal" erzählen uns mehrere Frauen Bruchstücke aus ihrem Leben und
bieten uns Kaffee an. Marina war Schreibkraft. Wir werden ihr am Ende wieder
begegnen, während ihre Finger weiterhin präzise über die
Schreibmaschinentastatur gleiten. In einem kleinen Zimmer treffen wir
Guglielmo und eine junge Frau an seiner Seite, die uns einen Brief vorlesen.
Ist sie eine Verwandte von Guglielmo oder auch eine Betreuerin? Ich kann es
nicht richtig deuten. In einem Atelier sitzen ein ehemaliger Gondoliere, ein
Radfahrer und ein Maler, der Venedig skizziert. Und dann gelangen wir in den
letzten Raum. Im Dämmerlicht werden weitere Erinnerungen wach: Geschichten,
Tänze, Kinderspiele, Projektionen alter Fotos.
Die jungen Schauspieler sind in ihren Betreuerrollen so
überzeugend, dass wir sie erst in dieser Schlussszene als Künstler erkennen.
Promemoria ist kein Werk über die Erinnerungen älterer Menschen,
sondern ein besonderes Forschungs-, Pädagogik- und Kreativprojekt, in dem
Bühnenspezialisten mit "Realitätsspezialisten" zusammenarbeiten, um die
Kraft der Gemeinschaft und die Bedeutung von Fürsorge poetisch miteinander
zu verbinden.
Aus den Tiefen des Abgrunds
Mit diesem
außergewöhnlichen Projekt begann meine diesjährige Reise durch die
Theaterbiennale. Konzentrierte sich der amerikanische Schauspieler Willem
Dafoe in seinem ersten Jahr als künstlerischer Leiter auf die amerikanische
Avantgarde, so erweiterte er diesmal seine Auswahl auf Afrika, Asien und
Ozeanien. Unter dem Motto "alter NATIVE" suchte Dafoe nach dem "Anderen", um
den westlichen Blick zu hinterfragen und neue Interpretationsperspektiven zu
eröffnen. "Das Thema hat keine eindeutige Bedeutung, da die Etymologie vage
oder suggestiv sein kann. Die Idee ist, 'alter' als Veränderung oder als
'das Andere' und 'NATIVE' als die eigene Natur oder als 'die
Herkunftskultur' zu verstehen", erklärt Dafoe. Die 54. Ausgabe der
Theaterbiennale, die vom 7. bis 21. Juni stattfand, präsentierte über 55
Veranstaltungen, darunter zehn Weltpremieren und zwei Europapremieren. Diese
Vielfalt führte dazu, dass der Vorstand der Biennale Willem Dafoe für die
nächsten zwei Jahre als künstlerischen Leiter der Theatersektion bestätigte.
Meine Reise führte mich weiter zu einem magischen Ort:
dem prächtigen Teatro Verde, wo der Himmel das Dach bildet – auf der
traumhaften Insel San Giorgio Maggiore. Aus Griechenland überraschten hier
Christos Stergioglou und Alexandros Drakos Ktistakis mit der konzertanten
Aufführung Schreie. Diese ist inspiriert von Gedanken des Dichters
Giorgos Seferis, Hekabes Klage aus Euripides’ "Die Troerinnen" und den
Schreien all jener, die im Laufe der Jahrhunderte Sklaverei, Vertreibung und
Migration erlebt haben.
Wie Juwelen in eine meisterhaft live dargebotene
Musikpartitur eingebettet, verwandelt sich die Textcollage in einen
einheitlichen dramatischen Fluss. Ktistakis Originalmusik – er musiziert mit
seinem Ensemble auf der Bühne – wird vom Bariton Georgios Iatrou und dem
Theater- und Filmregisseur Stergioglou selbst begleitet. Ihre Schreie
überwinden historische und soziologische Debatten über Migration und dringen
in das breite Feld der Philosophie und Metaphysik ein. Aus dem bewusst
minimalistischen Regie- und Bühnenbildkonzept entsteht eine intensive,
mitunter sogar verwirrende Inszenierung, gerade aufgrund ihrer scheinbaren
historischen Aktualität.
Hewa Rwanda – Brief an die Abwesenden hieß die
Produktion des ruandischen Schriftstellers, Schauspielers, Tänzers und
Regisseurs Dorcy Rugamba – der unter anderem mit Peter Brook und Milo Rau
zusammengearbeitet hat. Die Performance-Lesung gilt als Denkmal für seine
Familie. Einziges Bühnenelement ist ein Foto aller seiner Angehörigen, die
1994 in ihrem Haus in Kigali von Hutu-Soldaten ermordet wurden. Das Massaker
dauerte weniger als 45 Minuten. Damit begann der 100-tägige Völkermord, dem
schätzungsweise 800.000 Menschen der Tutsi-Minderheit zum Opfer fielen.
Rugamba selbst steht auf der Bühne. Die Performance wirkt schlicht. Rugambas
vorgelesene Geschichten und Gedichte werden von Live-Gitarren-Loops und der
beeindruckenden Stimme des senegalesischen Musikers Majnun begleitet.
Bewegende Porträts von Rugambas Familienmitgliedern sowie Anekdoten über
seine Geschwister verleihen den Vermissten ein menschliches Gesicht und
spiegeln die Bedeutung ihres Lebens wider, anstatt sich allein auf ihren Tod
zu konzentrieren. Jedoch offenbaren die vielschichtigen Porträts auch die
tragische Geschichte des Landes. "Ich wollte keinen Gedenktext, sondern eine
Hymne an das Leben schaffen. Deshalb ist der Ton bewusst von Leichtigkeit,
Humor und Poesie geprägt", erklärt Rugamba. Ein Werk, das nicht nur den
Schmerz widerspiegelt, sondern auch die Liebe.
Im Fokus: Mario Banushi
Der talentierte 28-jährige Regisseur Mario Banushi gewann
den Silbernen Löwen. Als Vertreter des neuen griechischen Theaters
präsentierte er sich auf dem Festival mit Romance familiare, seiner
existenziellen Trilogie über Leben und Tod, die ihn über Nacht berühmt
machte. "Mit seiner beinahe autobiografischen Geschichte, die Trauer,
Abwesenheit und Familientraditionen durchlebt", so die Begründung für die
Auszeichnung, "enthüllt sich Mario Banushi durch seine poetische,
elliptische Sprache, die eher aus Stille als aus Worten besteht, aber
eindringlich und schmerzlich kommunikativ ist." Die drei Kapitel (Ragada;
Goodbye, Lindita und Taverna Miresia – Mario, Bella, Anastasia)
entführen uns in eine Erinnerungslandschaft, die in den Traditionen der
albanischen Kindheit des Autors verwurzelt ist.
Von den beiden Produktionen,
die ich miterlebte, sticht Ragada durch den besonderen Austragungsort
hervor: Wir befinden uns in einem Zimmer eines alten venezianischen
Palastes. Zu Beginn liegt eine ältere Frau nackt auf einem Tisch und wird
von Banushi selbst mit Mehl bedeckt. Eine Maske wird aus Teig geformt. Links
ist ein Kühlschrank, aus dem eine große Sängerin emporsteigt; hinten eine
Wand, die einen geheimnisvollen Raum verbirgt, aus dem die ebenholzschwarze
Haut einer anderen Frau leuchtet. Unvergesslich bleibt eine weitere
Offenbarung: eine Braut, die hinter einem prächtigen, offenen
Buntglasfenster verschwindet, zwischen der Nachmittagssonne und dem
Lagunenwasser. Ragada bezieht sich auf das griechische Wort für
Dehnungsstreifen. Die Abdrücke, die der Fötus während des Wachstums im
Mutterleib auf dem Körper hinterlässt, verblassen mit der Zeit, verschwinden
aber nie ganz. Inspiriert von seiner Mutter ist Mario Banushis Debütwerk ein
Märchen, erschaffen aus poetischen Visionen und eindrucksvollen Bildern.
Während der Tod der Stiefmutter als Inspirationsquelle
für den zweiten Teil diente, basiert der letzte Teil der Trilogie auf dem
Verschwinden seines Vaters. Zentrales Element des Werks Taverna Miresia –
Mario, Bella, Anastasia, das im Juli 2023 beim Epidauros Festival in
Athen Premiere feierte, ist die Taverne selbst. Ihr Name "Miresia" bedeutet
auf Albanisch "Güte". Bella und Anastasia sind die Schwestern des
Regisseurs. Auch dieses Werk ist nonverbal. Banushi lädt uns ein, die vom
Tod hinterlassenen Spuren in ihren vielfältigen und mitunter überraschenden
Formen zu betrachten. In einem gefliesten Badezimmer tritt der Regisseur
selbst aus der Dusche, trocknet sich ab und zieht sich für eine Beerdigung
an. Während der gesamten Performance ist er teils Akteur, teils Beobachter.
Stromausfälle markieren die Szenenwechsel. Um ein im Badezimmer freigelegtes
Grab sitzt die ausschließlich aus Frauen bestehende Familie. Banushi hebt
aus dem Grab einen Mantel auf und legt ihn über die Lehne eines leeren
Stuhls. Sein Vater ist von nun an präsent. Es ist ein bewegender Anfang.
Episodenartige Sequenzen fangen Emotionen, Konflikte und Erinnerungen ein
und bewegen sich zwischen Realität und surrealen Interpretationen. Banushi
fängt eindrücklich die banalen Handlungen ein, die neben dem schmerzhaften
Verlust fortbestehen: das Essen eines gekochten Eies oder den Toilettengang.
Zusammen mit den makellosen Darbietungen der Schauspielerinnen unterstreicht
dies die Menschlichkeit des Werks. Die fast filmische Ästhetik ist
atemberaubend. Eliza Alexandropoulous’ Lichtdesign definiert die Bühne
gekonnt neu, sodass vielfältige Erfahrungen visualisiert werden. Während die
emotionalen Zustände schwanken, verwebt Jeph Vangers Musik
leidenschaftlichen albanischen Frauengesang mit Radiogeräuschen und tiefen
Phasen der Stille. Taverna Miresia ist zweifellos eine Produktion,
die den Ausdruck von Trauer in all seinen Facetten erforscht – vom
Alltäglichen bis zum Surrealen.
Italienische Präsenzen
Die renommierte sizilianische Theater- und
Opernregisseurin Emma Dante wurde in diesem Jahr mit dem Goldenen Löwen für
ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Bei dieser Gelegenheit präsentierte sie die
Weltpremiere von Basiles Geister, eine Erkundung des fantasievollen
und barocken Universums des neapolitanischen Schriftstellers Giambattista
Basile, dessen Erzählungen "La scortecata", "Pupo di zucchero. La festa dei
morti" und "Re Chicchinella" Dante bereits inszeniert hatte. Das neue Werk
enthält einige Fragmente dieser Trilogie und lässt die Geister der
Protagonisten wiederaufleben.
Alles beginnt mit Carmine Maringola, einem
authentischen und vielseitigen Schauspieler, Emma Dantes Lebens- und
Arbeitspartner, der das Publikum auf den Reichtum der Geschichten und der
Sprache einstimmt. Auf der Leere der Bühne erscheinen nacheinander zwei
ältere Schwestern – in eine davon hatte sich ein König verliebt, der ihre
Stimme für die einer jungen Frau hielt (La scortecata); Karl von Anjou, der
sich trotz der Bemühungen seiner Höflinge nicht von einem Huhn befreien
kann, das in seinem After feststeckt (Re Chicchinella); und schließlich ein
alter Mann, der elegant gekleidet den Tag der Toten zu Hause verbringt und
mit seinen Verstorbenen spricht (La festa dei morti – Fest der Toten). Die
Inszenierung folgt einem präzisen Rhythmus. Unterstützt von zwei weiteren
Schauspielern wechselt Carmine Maringola mühelos von einer Rolle zur
anderen. Trotz Emma Dantes umfangreicher Vorarbeit mit Basiles Texten bleibt
jedoch der Eindruck bestehen, dass die auf der Biennale präsentierte
Produktion nur teilweise gelungen ist.
Das Interesse des Festivals an der jungen Generation
spiegelt sich im renommierten Biennale College wider, das in diesem Jahr
einen Regisseur und zwei Dramatiker unter 30 Jahren präsentierte. So gab
Regisseur Alberto Colombo Sormani mit Imago Vocis – Raumzeit dazwischen
sein Festivaldebüt. Darin verbindet er seine Leidenschaft für das Theater
mit dem Studium der Astrophysik (er ist Forscher am Nationalen Institut für
Kernphysik der Universität La Sapienza in Rom) sowie seinem Interesse an
Körpersprache und neuen Technologien. "Eine seltene Mischung aus Ambivalenz
und Kühnheit; ein Projekt mit einer Zukunftsvision", so Willem Dafoe in
seiner Begründung.
Das Projekt ist von den Theorien der Quantenmechanik
inspiriert. Imago Vocis inszeniert Körper, Stimmen und Präsenzen
nicht als getrennte Elemente, sondern als Teile eines relationalen Prozesses
in kontinuierlicher Entwicklung. Die Bühnenhandlung wird durch projizierte
Texte ergänzt. Klänge und Bilder werden live eingefangen und bearbeitet,
wodurch wahrnehmbare Vibrationen und Transformationen entstehen, die nicht
unmittelbar sichtbar sind. Die audiovisuellen Instrumente werden so zum
Mittel, eine andere Realität zu erfahren, die aus Effekten, Resonanzen und
Deformationen besteht.
In Anlehnung an das Biennale College wurde das Projekt
"Theaterschulen" ins Leben gerufen, das drei Akademien seine Pforten
öffnete. Die Städtische Theaterschule Paolo Grassi aus Mailand inszenierte
mit ihren Studierenden des dritten Studienjahres Brechts Klassiker Die
heilige Johanna der Schlachthöfe in der Regie von Marco Plini. Die
Carlo-Goldoni-Theaterakademie des Teatro Stabile del Veneto präsentierte
Comeradovera mit Regisseur Giorgio Sangati und Absolventen des
Schauspielprogramms. Das Werk verwebt Stimmungen und Erinnerungen sowie
öffentliche und private Ereignisse rund um den Brand des Teatro La Fenice
vor dreißig Jahren und hinterfragt das Verhältnis zwischen dem Leben eines
Individuums oder einer Gemeinschaft und der traumatischen Erfahrung des
Verlustes.
Zum Abschluss würdigte die Theaterschule Neapel gemeinsam mit
Regisseur Arturo Cirillo und den Schauspielern des zweiten Studienjahres
Enzo Moscato, eine Schlüsselfigur der neapolitanischen Dramaturgie. Zwei
seiner Texte aus den 1980er-Jahren wurden zur Neuinszenierung Fünfzehn
Frauen mit etwas Erfahrung zusammengebracht. Während des gesamten
Festivals fand im Säulensaal des Ca’ Giustinian eine Hommage an Robert
Wilson statt. Darüber hinaus zeigte die Kunstbiennale die Ausstellung
"Tadeusz Kantor: Emballage, Cricotage und Madame Jarema" auf dem
Markusplatz.
Bonus von der Kunstbiennale
Kein Teilnehmer der Theaterbiennale verpasste den
österreichischen Pavillon auf der Kunstbiennale, der eine komplexe Arbeit
von Florentina Holzinger präsentierte. Zusammen mit ihren Künstlerinnen
übernimmt Holzinger die Rolle der Aufseherinnen der öffentlichen Toiletten
des Pavillons, um später zu Protagonistinnen extremer Szenen zu werden: Eine
fährt auf einem Jetski im Kreis in einem nur drei Meter großen Becken, eine
andere klettert akrobatisch an einer Stange empor, eine dritte treibt ihren
Körper bis an die Grenzen der Verrenkung, und die letzte schwingt stündlich
wie eine Zunge in Holzingers bereits symbolträchtigen Glocke hin und her. Im
Zentrum des Werkes stehen Wasser, Körperflüssigkeiten und die Reflexion über
die Zurschaustellung des weiblichen Körpers (immer nackt, aber kraftvoll und
am Rande des Unmöglichen).
Die Performance mit dem Titel "Seaworld Venice"
basiert auf einer spielerischen Dekonstruktion des Betrachters, der
aufgefordert wird, mit seinem Urin zum Geschehen beizutragen. Dieser wird
nach der Aufbereitung durch ein hochmodernes Gerät zu sauberem Wasser, mit
dem die Becken und ein großes Aquarium gefüllt werden. In Letzterem lebt
eine mit einer Sauerstoffmaske ausgestattete Künstlerin mehrere Stunden lang
wie eine Meerjungfrau. Somit thematisiert Holzingers Arbeit die ökologischen
Probleme des Lagunenwassers, die durch den Schiffsverkehr verursacht werden.
Ein originelles Werk, das zu endlosen Warteschlangen am Eingang des
Pavillons führte.