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Spiel mit dem Leben

Aus dem Stück "Das Clownengagement" von Matei Visniec, (c) Maria Ecmegian

Wie Rumänien das Theater neu entdeckt

Dezember 2008
 

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(c) Laura Iancu

"Pariser Dachwohnung
mit Blick auf den Tod
",
(Regie: Radu Dinulescu).

 

 

 

 

 

"Cymbelin"
(William Shakespeare),
inszeniert von Alexander
Hausvater am Deutschen
Staatstheater Temeswar.
Im Bild: TNT-Schauspielerin
Claudia Ieremia als
Imogen und DSTT-Schau-
spieler Georg Peetz
als Cymbelin.

 

 

 

 

 

Szenenfoto aus Gianina
Cărbunarius Stück "
mady-
baby.edu
".

 

 

 

 

 


(c) Radu-Stanca Theater

"Das kalte Kind"
(Regie: Istvan K. Szabo).

 

 

 

 

 

"Und sie legten den
Blumen Handschellen an"
(Odeon Theater)

 

   Wollte man in den 1980er Jahren in Rumänien ins Theater gehen, musste man stets damit rechnen, keine Eintrittskarten mehr zu bekommen. Trotz winterlicher Temperaturverhältnisse im Zuschauerraum waren die Aufführungen fast immer ausverkauft. Kommunistische Zensur und ideologische Einflussnahme konnten jedenfalls nicht verhindern, dass die rumänischen Theater jährlich mehrere hundert Stücke aufführten. Neben Klassikern wie Tschechow, Shakespeare und Molière wurden hauptsächlich nationale Autoren gespielt. Die rumänische Dramatik entkam der Zensur durch eine vieldeutige, metaphorische Sprache. Regisseure und Schauspieler schufen durch ihre Kreativität und ihren Charme eine magische Welt zwischen Bühne und Publikum, ein subtiles gemeinsames Erlebnis "außerhalb" der Diktatur.

 

Nach dem Umsturz von 1989 war das Theater wie gelähmt. Die intime Kommunikation zwischen Theaterleuten und Publikum verschwand. Das gemeinsame Erlebnis hatte neue "Bühnen" gefunden: die Straße und den Fernseher. Fast zwanzig Jahre danach wird in Rumänien "Theater als Spiegel einer sich stets ändernden Welt" gezeigt, "innovativ und provokativ in unterschiedlichsten Facetten, auch um Rumänien in Bezug auf Europa in ein neues Licht zu setzen" (Dieter Topp, Präsident des Kulturforum Europa zum 18. Nationaltheaterfestival Bukarest, November 2008).

   Es war kein leichter Weg, in Rumänien eine neue Art Theater zu schaffen, neue Sprachformen und Inszenierungsarten zu finden und die Menschen damit wieder in die Bühnenhäuser zu locken. Der neue Aurora-Schwerpunkt versucht, einen Überblick dieses Wandels zu präsentieren und ein Panoramabild des zeitgenössischen rumänischen Theatergeschehens zu skizzieren. In Interviews, Reportagen und Essays werden die landesweiten aktuellen Strömungen und Tendenzen der rumänischen Theaterszene und insbesondere der Gegenwartsdramatik beleuchtet. Dabei werden auch Einblicke in das Theater der deutschsprachigen Minderheiten Rumäniens gegeben. Freilich ist es nicht möglich gewesen, ein umfassendes Bild zu vermitteln. Die Redaktion hofft jedoch, dass der Schwerpunkt den Leser dazu ermuntern wird, die offen gebliebenen Fragen durch eigene Recherchen oder den Besuch eines rumänischen Stückes zu ergänzen.

Zu den ersten starken Impulsgebern für die rumänische Theaterszene entwickelte sich die bereits kurz nach 1989 erfolgte Rückkehr von Regisseuren wie Andrei Serban oder Alexander Hausvater, die während der Diktatur ins Ausland emigriert waren.

   Erst nach dem Jahr 2000 fand das rumänische Theater auch zu einer neuen Sprache. Wo noch bis zum Fall des Kommunismus mehrdeutige, hintersinnige Ausdrucksformen vorherrschten, die die rumänische Wirklichkeit mehr verschleierten als aufdeckten, sieht es seit ein paar Jahren ganz anders aus. Obwohl die Generation der Gegenwartsdramatiker regelrecht gegen Windmühlen ankämpfen musste, "wurde der Sprache das zurückgegeben, was ihr jäh genommen worden war: das Recht auf Entgegnung".

dramAcum heißt die Bewegung, die 2002 zur Entdeckung neuer Dramatiker in Rumänien, zu einem beachtlichen Aufschwung in der Bühnenkunst führte. Daraus entstand ein sozial relevantes Theater und vier Typen von rumänischen Dramatikern, meint der international bekannte, vielfach ausgezeichnete Jungautor Peca Stefan.

Die Manipulation der Gesellschaft, die Orientierungslosigkeit der jungen Generation sowie der Traum von einem besseren Leben, meistens im Ausland, sind einige der aktuellen Themen, die die moderne rumänische Dramatik kennzeichnen. Namen wie Gianina Carbunariu, die mit der deutschsprachigen Erstaufführung ihres Stückes Kebab an der Berliner Schaubühne 2008 die deutsche Theaterszene eroberte und Peca Stefan, dessen Stück Bucharest Calling als deutschsprachige Erstaufführung 2009 im Dschungel Wien zu sehen sein wird, sind mittlerweile einige der erfolgreichsten rumänischen Jungautoren.

   Besondere Berücksichtigung innerhalb der zeitgenössischen rumänischen  Dramatik findet die Auseinandersetzung mit der kommunistischen Ära. Der in Frankreich lebende rumänische Schriftsteller Matei Visniec ist der bekannteste Dramatiker, der sich mit Vergangenheitsbewältigung beschäftigt und nach 1989 der meistgespielte Autor in Rumänien. Daneben werden natürlich weiterhin internationale und nationale Klassiker, wie Ion Luca Caragiale und Eugène Ionesco, gespielt.

Obwohl bis heute die Regisseure die Theaterszene in Rumänien bestimmen, müssen sie um jeden zeitgenössischen Text kämpfen. Erst seit der dramAcum-Bewegung gibt es eine enge Zusammenarbeit zwischen Autoren und Regisseuren, die mittlerweile von etlichen Theaterhäusern gefördert wird. Dennoch wird die rumänische Theaterlandschaft noch immer von den 40 staatlichen Schauspielhäusern, die 1948 entstanden sind, dominiert. Damals wurde ein großes Netz von professionellen Theatern gegründet, bestehend aus über 40 Bühnen, davon sechs ungarische, zwei deutschsprachige und ein jüdisches Theater. Bis 1998 gab es in Rumänien kein einziges freies Theater. Vor knapp zehn Jahren wurde das erste unabhängige Bühne, das Teatrul Act in Bukarest, gegründet. Inzwischen ist die Off-Theaterszene gewachsen. Es gibt zahlreiche unabhängige Gruppen, die experimentelles Theater machen, ein zweites alternatives Theaterhaus wie das Teatrul Act gibt es jedoch nicht.

   Bemerkenswert ist, dass deutsche Theaterbühnen in Rumänien bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgt werden können. Heute existieren zwei institutionelle Bühnen in deutscher Sprache: das deutsche Staatstheater in Temeswar und die deutsche Abteilung des Staatstheaters in Hermannstadt. Gerade diese Theater verfügen jeweils über ein junges Ensemble und fokussieren auf experimentelles, junges Theater. Neben Sprechtheater wird viel mit Videoeffekten, Tanz und Musik gearbeitet. Bühnen wie diese halten eine enge Verbindung zum deutschsprachigen europäischen Raum und gehen regelmäßig Partnerschaften und Kooperationen ein.

Seit mehreren Jahren strebt man in Rumänien internationale Begegnungen an. Besonders auf den landesweiten Festivals ist man um eine verstärkte Interaktion zwischen rumänischem, europäischem und internationalem Theater bemüht. Somit gibt die Verleihung des KulturPreises Europa 2009 an das Nationaltheater Temeswar (mit dem Radu Afrim-Spektakel Krankheit der Familie M von Fausto Paravidino) der modernen rumänischen Dramatik ein europäisches Gesicht und bestätigt, dass das Theater in Rumänien schon immer eine besondere Rolle als Kulturträger gespielt hat.

Irina Wolf
irina.wolf [at] aurora-magazin.at

   

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